Sa: 11.05. „Die Orsons“ in Dortmund – Transphobie und Sexismus welcome?

Der Text erschien zuerst bei s1r.

Alles nur Ironie aka Kunst darf alles

Seit einer Weile auf der mentalen Textproduktions-To-Do-List war ein Text zu den Orsons. Durch die Erkenntnis, dass selbige am 11. Mai 2013 in Dortmund auf einem Jugendcamp, organisiert von Falken und Jusos, spielen, hat sich die Fertigstellung ein ganz klein wenig beschleunigt. Zur Info: In dem Artikel kommen Songzitate der Band vor, die transphop und antisemitisch sind und sexualisierte Gewalt beschreiben.

So langweilig, wie unglaublich: Die Tatsache, dass es Leute – auch „Künstler“ genannt – gibt, deren Ego scheinbar so viel mentalen Raum einnimmt, dass kein Platz mehr für Vernunft ist. Viel unglaublicher jedoch die Tatsache, dass deren Masche auch noch auf Resonanz stößt. Aus dem Deutsch-Grundkurs ist ihnen scheinbar nur dunkel in Erinnerung geblieben, dass es ein Stilmittel namens „Ironie“ gibt, dass die brauchbare Verwendung von Ironie allerdings intelligente Texte – und auch nachdenkende Zuhörer*innen – voraussetzt, ist ihnen jedoch entgangen.

Folge: Stumpfe Texte, die im Niveau eindeutig auf einer Ebene mit Haftbefehl rangieren, jedoch durch die Performance der „Künstler“ behaupten irgendwie ironisch (= lustig, aber trotzdem mit guten Inhalten) zu sein.

Dazu bleibt eigentlich nur zu sagen: Ich hab nichts prinzipiell gegen Humor. Nur ist Sexismus nicht lustig. Genauso wenig wie Transphobie, sexualisierte Gewalt und Antisemitismus.

Wovon ich eigentlich rede? Davon, dass eine grottenolm-schlechte Band wie “Die Orsons” fetten inhaltlichen Müll absondern darf ohne große Konsequenzen. Ach doch, Konsequenzen gibt es: Erfolg. Immerhin ist die Palette der anstehenden Gigs recht bunt: Vom “Workers Youth Festival” der Falken und Jusos bin hin zum Rock am Ring.

Das Musik und vor allem Rap zum Großteil daraus besteht, dass von ihrer Männlichkeit sehr überzeugte CisMänner Texte aus männlicher Perspektive an einen imaginierten männlichen Zuhörer richten (und dann trotzdem auch von Frauen gehört werden, aber das ist ein anderes Thema) ist man ja schon gewöhnt, aber die Orsons schaffen es doch noch ein negatives Highlight zu sein. Und trotzdem: Öffentliche Kritik: Fehlanzeige. Kritische Auseinandersetzung in Rezensionen: Nö.

Warum sie ein negatives Highlight sind, ist in wenigen Worten gesagt:

„Ich steh da mit meinem Steifen und denk; „ah okay richtig geil!“ jetzt wird es Zeit für K.O.-Tropfen im Wein“ aus Beatles Piraten


Vorweg: Ich glaube nicht, dass die Band irgendeine kritische Intention hat. Aber: Es ist völlig irrelevant, was die Intention dieser Zeilen war. Sexualisierte Gewalt ist kein Stilmittel. Es gibt keine einzige Rechtfertigung dafür so ein Setting mal kurz am Rande in einen völlig belanglosen Songtext einzubauen. Checkt es mal: Das was ihr da „besingt“ ist Realität! Und taugt kein bisschen für eure pubertären Tabubrecher-Allüren. Wenn ihr Tabubrecher sein wollt eine hilfreiche Info: Vergewaltigungsphantasien sind nicht sonderlich originell. Originell wäre ein klares Statement gegen die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt.

Aber das ist nicht so eures, wa? Immerhin konsequent dann noch folgenden Text rauzuhauen: sexuell belästigt.

Ein Zitat daraus:

„Gib mir deine Hand; ach ich greif einfach zu. Für mich ist es Liebe pur, doch Du fühlst dich nur sexuell belästigt.“

Nach Sexismus und vor allem der Verharmlosung bis Verherrlichung von Vergewaltigung ist das zweitliebste Thema im Rap ja das Reproduzieren von antisemitischen Ressentiments (mehr dazu u.a. hier und hier). Auch da lassen die Orsons sich nicht lange bitten und machen auch nicht erst komplizierte Andeutung, die man erst entschlüsseln muss: Nein – schön gerade heraus. Subtilität ist nicht ihr Metier – (würde ja auch wieder einen gewissen Grad an Geist voraussetzten):

„Ich will, dass Frauen in meine Wohnung laufen und locke sie wie jüdische Pädophile im Auto, „Hey, willst du nen Bonbon kaufen?“ aus Beatles Piraten

Angesichts des im deutschen Rap allgegenwärtigen Sexismus und Antisemitismus, hat die Band sich dann aber doch bemüht noch einen Joker zu ziehen und noch eine bisher zu wenig durch Rap beachtete Diskriminierungsstruktur zu ihrem ganz persönlichen Hobby gemacht: Transphobie

Zur Einstimmung:

“Ich bin Proletrapper, geh raus und erstech ein paar Transen.“ aus Beatles Piraten

Höhepunkt: “Horst und Monika”

Eigentlich spricht der Song für sich. Und auch hier ist es so was von egal was, besser: ob sich die Orsons was beim Song gedacht haben. Die Story des Songs handelt von einer realen Person und wurde ohne Wissen dieser Person veröffentlicht und wird gegen ihrem Willen weiter gespielt. (Hier kommt sie in einem Interview selber zu Wort.)

Der Song ist klassischer Cis*perspektiven-Voyeurismus. Die Lebensgeschichte einer Trans*Person wird gegen ihren Willen zu einem hippen Popsong verarbeiten. Es geht darin nicht um Verständnis und Aufklärung zur Situation von Trans*Menschen. Worum es geht ist einfach das voyeuristische Vergnügen an einer für Außenstehende absurd wirkenden Story.

Die Presseartikel zu der Lebensgeschichte von Monika basieren auf einem Zwangsouting durch die NPD. Das heißt sie hat das öffentliche Outing als Trans*Person nicht selbst gewählt. Der Song reproduziert diesen Zwang und sorgt für weitere ungewollte Öffentlichkeit.

Fern ab von dem übergriffigen Verhalten gegenüber der konkreten Person werden in dem Song die üblichen transphoben Stilmittel benutzt und unsinnige Klischeevorstellungen reproduziert. Also nochmal kurz zum Mitschreiben: Eine Person, die sich als Frau identifiziert ist als Frau zu bezeichnen und nicht als Mann. Denn nur eine Person selber kann ihre eigene Geschlechtsidentität definieren. Niemand wird durch eine Genital-OP zur Frau, sie ist es schon vorher – es werden “lediglich” einzelne Details des Körpers einer gesellschaftlichen Vorstellung vom Aussehen von „Männern“ und „Frauen“ angepasst. Auch wird eine solche OP und auch ein Outing als Trans*Person, bzw. eine Namensänderung nicht mal eben einfach so gemacht; quasi spontan. Und: Niemanden geht der ursprüngliche Geburtsname einer Person etwas an.

Wer mehr zu einem nichttransphoben, respektvollen Umgang wissen möchte, kann sich kurz und länger informieren.

Und wer immer reflexartig an das Gute nicht nur im Menschen, sondern auch im Künstler glaubt: Nachdem die Band mit der Kritik an dem Song – explizit auch von der besungenen Person – konfrontiert wurde, tat sie Folgendes: Eine kurzes Statement auf Facebook veröffentlichen, dass sie überhaupt gar nicht transphop sind und der Song auch nicht; den Song auf der Homepage nicht löschen, den Song auf Konzerten weiterhin spielen.

Das Statement selber ist auch bestenfalls humoristisch zu nennen. Ein Auszug:

“Wir finden es schade, dass im Jahr 2012 offenbar teilweise noch immer das Vorurteil herrscht, transsexuelle Menschen seien psychisch krank. Dass dieser Unsinn nach wie vor gedacht und behauptet zu werden scheint, hat uns sehr schockiert.”

„behauptet zu werden scheint“ – so ganz können sie es sich scheinbar immer noch nicht vorstellen. Wunderbar karrikieren sie damit auch ihre vorherige Aussage, dass die Intention des Songs „Aufklärung“ war. Aufklärung über etwas von dem man selber zugibt nicht die geringste Ahnung zu haben? Suuuper Ansatz.

Zum Gesamtsetting passt auch der Umgang der Fans mit dem Song und der Kritik daran. Das schlimmste was sich die Leute vorstellen können ist, dass die Kritik dazu führen könnte, dass ein Auftritt ausfällt. Wenn man sich die Reaktionen in Kommentarspalten anguckt ist das Netteste noch, dass die Band für ihre Pseudoentschuldigung abgefeiert wird – ohne irgendwelche Kritik an dem Song; der ist selbstverständlich total cool. Vorherrschend sind jedoch die üblichen „Spaßbremsen“-Kommentare und vor allem viel Transphobie. So wurden auch Teilnehmerinnen einer Kundgebung vor einem Orsons-Konzert in Berlin transphop beleidigt.

Bleibt also zuletzt nur noch die Frage: What the hell machen die auf einem Jugendcamp der Falken/Jusos? Unter anderem auch dort als “Kulturprogramm”: Feine Sahne Fischfilet, Sookee, Antilopengang, Tapete And The Crying Woelf, Elektro Loox, BadaBumm und Bini Adamczak.

Naja, vielleicht soll das ganze ja auch nur ein Aktionsangebot sein, z.B. für die Teilnehmenden dieser Camp-Workshops:

“Gemeinsam packen wir es an!

Was haben Männer mit Feminismus zutun und wie schaffen wir die Emanzipation gemeinsam mit Männern und Frauen? Und wieso werden bestimmte Themen wie sexuelle Gewalt oder Sexismusals klassische Frauenthemen behandelt,obwohl es doch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist? Diese Fragen wollen wir gemeinsam diskutieren.”

”Und Brüderle war erst der Anfang… Wie bekämpfen wir Sexismus in unserer Gesellschaft?!

Dürre Models im Fernsehen. LehrerInnen, die behaupten: „Mädchen könnten eh kein Mathe“. WohnungsbesitzerInnen, die keine gleichgeschlechtlichen Paare wollen. Wie bekämpfen wir Sexismus in der Gesellschaft? Was sindgute Strategien hierfür?”

P.S.: Bei wem es noch nicht angekommen sein sollte: Homophobie und Transphobie ist nie okay. Auch nicht als “antifaschistische Beleidigung/Aktion”.

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2 Antworten auf „Sa: 11.05. „Die Orsons“ in Dortmund – Transphobie und Sexismus welcome?“


  1. Gravatar Icon 1 w.i.r. 10. Mai 2013 um 9:15 Uhr

    Die Stellungnahme zur Stellungnahme der Stellungnahme.

    Die Antwort der Emanzipatorischen Antifa Münster

    Im Rahmen des vom 09. bis zum 12. Mai in Dortmund stattfindenden “Workers Youth Festival”, welches unter anderem von den Falken und Jusos organisiert wird, soll am 11. Mai ein Auftritt der Band “Die Orsons” stattfinden. Im Vorfeld hat sich dazu die Gruppe E.L.K. mit einer Email an Organisator_innen und Künstler_innen gerichtet, um darauf hinzuweisen, dass “Die Orsons” explizit trans*phobe, sexistische und antisemitische Inhalte transportieren. Daraufhin hat sich der Bundesvorstand der Falken als einer der Hauptveranstalter_innen zu einer Stellungnahme genötigt gesehen, welche wir im Folgenden dokumentieren und kommentieren. Zum Format: Die Stellungnahme ist absatzweise (insgesamt komplett) dargestellt, zwischendurch sind fett markiert unsere Anmerkungen.
    Vorab aber schonmal sei angemerkt: Im Grunde fällt uns zu der Stellungnahme nur eins ein: Lauft gegen die Wand, vielleicht hilft’s!

    Stellungnahme zum Auftritt der Orsons beim Aktionstag am 11.05.2013 auf dem Friedensplatz in Dortmund

    Am Sonntag, den 28.04. wurde von einem Menschen oder einer Gruppe namens E.L.K. eine e-mail an einige Genoss*innen des Vorbereitungsteams des Workers Youth Festival gesendet. In dem Text wird nach einer Kritik an den Orsons dem Workers Youth Festival grundsätzlich Transphobie, Sexismus und Homophobie unterstellt. In Fällen anonymer Anschreiben aus den Weiten des Internets, in denen Kritik nicht im Sinne eines konstruktiven Dialogs geäußert wird, stellt sich immer die Frage, ob wir als Veranstaltende darauf reagieren sollten. Denn ganz offensichtlich geht es dieser Person nicht darum auf etwas aufmerksam zu machen, was vielleicht schon bekannt war und nach den Beweggründen zu fragen, sondern eher darum zu denunzieren und dafür zu sorgen, dass andere Künstler*innen aus unserem breiten Kulturangebot absagen. Wer Kritik hat, sie ernst meint und mit der vorgebrachten Kritik auch Denk- und Bildungsprozesse anregen will, sollte unserer Ansicht nach anders agieren. Hier geht es offensichtlich darum, kurz vor dem Festival “eine Bombe platzen zu lassen”.

    Wenn alles bekannt war, kann auch nichts denunziert werden. Kritik als Denunziation abzutun ist ein beliebter Abwehrreflex um sich inhaltlich mit nichts auseinandersetzen zu müssen. Betroffenen von Sexismus, Trans*phobie und Antisemitismus vorschreiben zu wollen, wie sie Kritik zu äußern haben, ist absolut überheblich. Wie sich Betroffene gegen Diskriminierung wehren, bleibt immer noch ihnen überlassen! Der Vorwurf “eine Bombe platzen” lassen zu wollen, womit impliziert wird wir wollten nur um des Stressmachens willen intervenieren wollen, erscheint uns ebenfalls seltsam – warum sollten wir das tun wollen?

    Das Programm und die Struktur unseres Festivals machen im Gegensatz zu den Behauptungen deutlich:
    Das Workers Youth Festival ist ein antisexistisches Camp! in vielen Workshops setzen wir uns mit den Themen Sexismus, Konstruktion von Geschlechtern und den Auswirkungen verschiedener gesellschaftlicher Ausgrenzungsmechanismen auseinander. Neben einem Frauen Zelt gibt es auch ein LGBT*Queer Zelt, das sich in der Broschüre wie folgt darstellt: “Im LGBT*Queer-Zelt (LGBT = Lesbian, Gay, Bi, Trans*) kannst du mehr über die Grenzen der Geschlechterrollen erfahren, warum sie existieren und was mensch dagegen tun kann. Du kannst dich über unterschiedliche Lebensweisen und sexuelle Orientierungen informieren, darüber diskutieren, eigene Denkmuster hinterfragen und dich mit anderen austauschen. Es gibt Angebote, sich theoretisch mit dem Thema auseinanderzusetzen und über konkrete Probleme zu diskutieren. Für uns ist klar: Come queer – stay rebel!” Im Vorfeld der Veranstaltung hat sich außerdem ein Awarenessteam vorbereitet, um Sexismus, Homo- und Transphobie und sexueller Gewalt präventiv entgegenzuwirken und ein klares Zeichen gegen jegliche Form von Grenzüberschreitungen zu setzen. Darüber hinaus sind sie die Ansprechpersonen in Fällen, in denen es sexistische Sprüche, Diskriminierungen oder sexuelle Gewalt gibt.

    Wir begrüßen es natürlich, dass sich die Camporga Gedanken um ein Awarenessteam gemacht hat. Wenn dieses jedoch den politischen Mindestanspruch hat parteilich mit den Betroffenen zu handeln, dann muss das Awarenessteam einschreiten und den Auftritt von “Die Orsons” verhindern. Wir sehen an dieser Stelle jedoch mehr die Notwendigkeit einer politischen Intervention, als den Rückgriff auf Awarenessstrukturen. Sollte es zu trans*phoben oder sexistischen Äußerungen von Bands kommen, wenden wir uns jedoch gerne an diese, damit sie einschreiten.

    Das sind nur zwei Beispiele für den inhaltlichen Umgang mit gesellschaftlichen Verhältnissen, die wir mit unserem Festival angehen und verändern wollen. Wir möchten das durch die Verbindung von Bildung, Politik und gemeinschaftlichem Erleben tun. Wer mit uns diskutieren möchte ist herzlich eingeladen dies auf dem Workers Youth Festival in unseren Workshops zu tun.

    Wir werden da sein, keine Sorge.

    Zusätzlich noch einige weitere Fakten zur Klarstellung: Die Orsons treten am Samstag, den 11.05.2013 im Rahmen des Aktionstages in der Dortmunder Innenstadt und nicht auf dem Festivalgelände auf. Dass die Orsons auftreten werden, ist in unserem Verband kontrovers diskutiert worden und auch seit Februar bekannt. Wir sind sehr verwundert, dass sich jetzt Genoss*innen, z.B. bei facebook zu Wort melden, die in den Prozess der Vorbereitung und Diskussion involviert waren. Nach Rücksprache mit den Orsons wurde uns versichert, dass es ein klärendes Gespräch zwischen den Orsons und der Aktion Transsexualität und Menschenrecht gegeben hat. Nach diesem klärenden Gespräch haben sich die Orsons von dem Lied distanziert und die Aktion Transsexualität und Menschenrecht hat ihre Anzeige zurück gezogen. Auch dieser Umstand ist lange bekannt.

    So what? Die Stellungnahme war einfach absoluter Schwachsinn, distanziert haben sich “Die Orsons” von nichts. Oder wie sonst erklärt ihr, dass auf der Startseite der Orsons das Lied weiterhin beworben wird und ohne Probleme weiterhin im Internet zu finden ist. Distanzierung? Wir sehen keine. Darüber hinaus ist die Rücknahme der Anzeige von ATME ja wohl noch kein Beweis dafür, dass die Orsons auf einmal ok sind.

    Über die Distanzierung der Orsons und andere Songtexte lässt sich vortrefflich streiten. Auch wir finden bestimmte Lieder und Texte der Orsons sehr problematisch und wir teilen einige Kritikpunkte des anonym gesendeten Textes, z.B. dass es grundsätzlich falsch ist, bestimmte Texte hinter dem Deckmantel der Ironie zu verstecken. Sexismus bleibt Sexismus und wir engagieren uns dagegen! Die Orsons verwenden Stereotypen in ihren Texten, die auch nicht durch den Schutz von Satire und Ironie zu rechtfertigen sind. Wir unterscheiden uns wohl hauptsächlich von dem oder den Menschen, der*die den Text veröffentlicht haben in den aus unserer Kritik resultierenden Konsequenzen für einen Auftritt der Orsons beim Aktionstag. Als Sozialistischer Kinder- und Jugendverband mit einem pädagogischen Auftrag teilen wir nicht die Forderung nach der Ausladung. Wir wollen einen Dialog ermöglichen, wir wollen jungen Menschen ermöglichen sich und ihr Handeln kritisch zu reflektieren, denn wir sehen es als besonders wichtig an, in diese kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zu wirken, um den alltäglichen, rassistischen und sexistischen Normalzustand zu überwinden. Zu den Prinzipien des demokratischen Sozialismus gehört es auch, sich mit anderen Meinungen und Verhaltensweisen auseinander zu setzen.

    Auch wir haben uns die Texte angesehen, die Lieder sogar angehört und uns damit auseinander gesetzt. Dafür brauchen wir keinen Auftritt dieser Band. Was an dem Konzept “Wir-bieten-menschenverachtendem-Mist-eine-Reproduktionsfläche” pädagogisch wertvoll sein soll haben wir noch nicht verstanden. Eine Auseinandersetzung mit den Texten erscheint auch uns sinnvoll, jedoch auf ganz andere Art und Weise. Wir haben nicht festgestellt, dass nach dem Auftritt der Orsons in eurem Programm eine Diskussion über deren Transphobie stattfinden soll. Wo wolltet ihr also über die Orsons diskutieren?

    Wir wollen junge Menschen da abholen wo sie sind und für Veränderung werben. Wir sind der Überzeugung, dass antisexistische Praxis nicht vom Himmel fällt und wir meinen, dass wir uns mit der Mainstream-Kultur auseinandersetzen müssen und z.B. auch Bands, die in diese Mainstream Kultur fallen, einladen. Eine Ausladung der Orsons ändert nichts an den patriarchal geprägten Herrschaftsstrukturen in unserer Gesellschaft. Sie würde nur der eigenen Selbstvergewisserung dienen. Wenn wir wirksam dem sexistischen Normalzustand etwas entgegen setzen wollen, müssen wir auch mit den Orsons, und noch wichtiger mit den jungen Menschen reden, die ihre Musik hören und abfeiern.

    Vorschlag: Ladet doch Freiwild ein. Auch die sind Mainstream und ihr könnt viele (junge) Menschen da abholen wo sie sind. Nach der Party könnte man bei Kaffee und Kuchen mit der Band und den Fans darüber diskutieren, was sie so gespielt haben. Alternativ könnte man sich auch Nazibands bedienen. Die kommen bestimmt, man müsste halt nur ein bisschen Kollateralschaden durch prügelnde Nazifans einplanen. Klingt komisch? Ist auch so.

    Diesen Dialog führen wir an vielen Stellen in unserem Verbandsleben und wollen dies auch explizit während des Workers Youth Festivals in Dortmund tun. Wir freuen uns auf vier spannende Tage mit vielen, auch kontroversen Diskussionen mit Euch!

    Für den Bundesvorstand

    Wir freuen uns zwar nicht, aber haut rein. Bis bald.
    Für die Emanzipatorische Antifa Münster

  2. Gravatar Icon 2 Olli 12. Mai 2013 um 17:29 Uhr

    Hallo autotrans* und w.i.r.,

    am liebsten hätte ich, als ich erfahren habe wer Die Orsons sind und was für trans*phobe Texte ihre Songs haben, auf der Hake kehrt gemacht und wäre sofort wieder nach hause gefahren. Wer meint die Ermordung von trans* sei eine tolle musikalische Pointe, hat keine Bühne verdient, nie und nirgends! Daran gibt es für mich nichts zu rütteln und unter anderen Umständen hätte ich im Vorfeld bereits eine Veranstaltung mit derartigen Headlinern weiträumig vermieden.

    Dummerweise war besagter Moment in der Nacht zum Freitag, sprich wenige Stunden vor der Diskussion “Gemeinsam packen wir es an”, die ich moderieren sollte. Vielleicht war es nicht die richtige Entscheidung zu bleiben, allerdings habe ich bisher auch nicht vor solch einer Entscheidung gestanden und hätte es bei einem Festival wie diesem auch nicht erwartet.

    Ursprünglich war ich eingeladen worden, um eine Diskussion zu Männlichkeit und Feminismus zu führen. Um Privilegiertheiten hätte es gehen sollen, um Verbündetenarbeit, um die Frage danach ob Feminismus als ‚Frauen vs. Männer’ gedacht nicht zu kurz greift und eben auch um Homo-, Bi- und Trans*phobie. Kurzum, all jene Dinge, über die sich sonst Betroffene den Mund fusselig reden und für die, so der Plan, diesmal ein (hoffentlich einigermaßen fitter) cis-Typ eine Lanze brechen sollte.

    Um individuell etwas daran zu ändern, dass auf diesem Wege im Programmheft nun Antisexismus neben Sexismus stand und der offizielle angestrebte „Kampf gegen Diskriminierung“ und der Auftritt der Orsons vermutlich mehr Medienecho bekommen würde, als die Kritik an trans*phobie und Sexismus, war es bereits zu spät. Die geplante Sensibilisierung nicht-feministischer Männer für feministische Themen hatte nun den Anstrich eines antisexistischen Feigenblatts.

    Sicherlich werden die paar Menschen mit denen ich dann diskutiert habe nicht die Besucher des Konzerts aufwiegen und gemessen an den vielen Leuten, für die eine Kritik an den Orsons völlig unverständlich ist, dürfte meine Stimme ‚dagegen’ auch nicht groß ins Gewicht fallen. Trotzdem war es mir in diesem Moment lieber vor Ort zu bleiben, Position gegen trans*phobie und „Dann organisiert man halt mit denen ein klärendes Gespräch“ zu beziehen. Ich habe während des Workers Youth Festivals das Maul aufgemacht und werde es sicher auch im Nachgang nicht halten. Meine Diskussionen vor Ort haben mir gezeigt, dass Trans*phobie ein Thema ist, zu dem viele keinen Zugang haben und zu dem es noch einigen Reflektionsbedarf gibt. Allerdings war auch klar, dass für viele zwar cis-Privileg und trans*phobie völliges Neuland waren, aber außer Frage stand, dass etwas ganz gewaltig schief gelaufen ist.

    Versprechen kann ich natürlich für die Gesamtheit der Falken nichts, aber ich habe deutlich mitbekommen, dass einige bereits anfangen eine interne Auseinandersetzung anzustoßen, zu der auch ich noch kritisch, trans*solidarische Beiträge beisteuern werde. Mein nächster Diskussionsbeitrag wird dann vermutlich nicht heißen „Gemeinsam packen wir es an“ sondern eher: „Mit uns nicht!“.

    Solidarische Grüße,

    Olli

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