30.04. Take Back the Night – Demo in Hamburg

Gegen jegliche Zustände, die unsichtbar machen – am Tag und in der Nacht!

Wir laden euch, alle Nicht-Cis-Männer*1, zu einer Demo ein! Am Abend des 30. April, an dem üblicherweise gefeiert wird, weil alle am 1. Mai frei haben, wollen wir mit euch als Demo auf die Straße gehen. Wir wollen laut und sichtbar werden, um den sexistischen, heterosexistischen, patriarchalen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen. Willkommen sind alle, egal wie sie sich definieren, nur eben keine Cis-Männer*.
Auch wenn wir hier als „Wir“ schreiben, ist es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass eine Abgrenzung von Cis-Männern* nicht bedeutet, dass alle, die wir hiermit zur Demo einladen, eine einheitliche Gruppe mit gleichen Erfahrungen und Perspektiven sind. Deshalb glauben wir als Orgagruppe auch nicht, für all diejenigen, die keine Cis-Männer* sind, sprechen zu können.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der spätestens nach der Geburt bestimmte Identitätsstrukturen eines Kindes festgelegt werden. Die familiären Zusammenhänge und die ökonomische Situation der Familie, in die ein Kind hinein geboren wird, haben nach wie vor unmittelbaren Einfluss darauf, ob und wie eine Person Zugang zu gesellschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel Bildung hat. Sofort wird bestimmt, ob das Kind able bodied ist oder nicht, ob es weiß ist oder nicht, und es wird festgelegt, welches Geschlecht es hat. In all diesen beispielhaft genannten Kategorien gibt es ein vermeintliches „Normal“ und ein davon abgegrenztes „Unnormal“. Die Einteilung in diese Gegensätze bestimmt fortlaufend die Identität einer Person: Sie gibt Privilegien oder weist Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen als nicht „normal“ klassifiziert werden, eine minderwertige Position in der Gesellschaft zu. Weiß wird automatisch auch als männlich*, ökonomisch unabhängig und able bodied gedacht und stellt somit die am meisten privilegierte Position dar. Diese Position zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie als durchschnittlich und alltäglich vermittelt wird; als etwas, das nie extra benannt werden muss. Eine solche Einordnung und Bewertung von Menschen anhand konstruierter Kategorien strukturieren diese Gesellschaft also hierarchisch. Unterdrückung funktioniert aber nicht nur anhand einzelner Kategorien wie Geschlecht oder Dis*Ability2, sondern oft als Mehrfachunterdrückung. Das bedeutet, dass eine Reihe ineinander verstrickter Unterdrückungsformen zum Tragen kommen. Das führt z.B. dazu, dass nicht alle als männlich* identifizierten Menschen gleich positioniert sind. Schwarze Männer* sind z.B. in einem weiß-dominierten Kontext weißen Männern gegenüber oftmals weniger privilegiert. Deshalb ist es uns wichtig, dass – auch wenn wir uns hier vor allem auf die Kategorie Geschlecht beziehen – andere wirkmächtige Kategorien und ihre Verschränkungen miteinander immer mitzudenken3.

Wir haben am Anfang schon erwähnt, dass jedem Kind spätestens nach der Geburt ein Geschlecht zugewiesen wird. Zur Auswahl stehen hier immer lediglich weiblich* oder männlich* – medizinisch definierte Uneindeutigkeiten werden normalerweise sofort operativ angepasst. An dieses vermeintlich biologisch vorgegebene Geschlecht ist die Erwartung gekoppelt, eine entsprechende Geschlechtsidentität anzunehmen. Die Geschlechtsidentität, die Dir von Geburt an vorgegeben wird, bestimmt unmittelbar, welche Position Du in dieser Gesellschaft inne hast. Deine Identität muss entweder männlich* oder weiblich* sein, und diese geschlechtliche Identität strukturiert, wie Du im Kleinen und im Großen dein Leben gestaltest. Welche Verhaltensweisen wurden und werden von Dir erwartet? Wer darf weinen und muss stark sein? Gibt es überhaupt irgendeinen Bereich Deines Lebens, in dem du dich nicht geschlechtlich inszenierst?
Es wird von dir erwartet, eine klar erkennbare Geschlechtsidentität zu haben und dich dementsprechend zu benehmen. Du musst als Frau* oder Mann* erkennbar sein – bist du dies nicht, wirst du dennoch irgendwie ins duale Schema gepresst. Wer gesellschaftlich als uneindeutig wahrgenommen wird, wird unsichtbar, und das bedeutet, marginalisiert und diskriminiert zu werden. Es ist quasi unmöglich, eine Sprache jenseits von Zweigeschlechtlichkeit zu benutzen. Beim Ausfüllen von offiziellen Formularen musst du z.B. immer dein vermeintliches Geschlecht angeben, hast aber fast immer nur nur die Wahl zwischen den Optionen „männlich“ und „weiblich“. Auch in den Medien werden Dir meist nur Frauen* und Männer* präsentiert. Es wird also deutlich, dass unsere Gesellschaft keinerlei Identitäten außerhalb von männlich* und weiblich* zulässt und vorstellbar macht. Du bist folglich ununterbrochen dazu gezwungen, dich und andere zuzuordnen4.
Zu Deiner geschlechtlichen Identität gehört auch Dein Begehren, Deine Sexualität. Die Einteilung in zwei Geschlechter beinhaltet auch, dass es als „normal“ angesehen wird, dass Du das jeweils andere Geschlecht begehrst, anziehend findest. Dieses heterosexuelle Begehren gilt als „natürlich“. Sexualitäten, die diesem Schema nicht entsprechen, werden als abweichend von der Norm bewertet und behandelt. Obwohl es mittlerweile vermeintlich gesellschaftlich akzeptiert ist, homosexuell zu sein, wird Heterosexualität als Normalität vorausgesetzt und Homosexualität muss durch ein „Coming Out“ immer extra benannt werden. Jegliche anderen Formen von Sexualität werden allerdings nach wie vor gesellschaftlich gar nicht anerkannt. Während alles jenseits von Hetero- oder Homosexualität außerhalb des gesellschaftlich Vorstellbaren liegt, wird auch mit Homosexualität meist ein gewisses Auftreten verbunden: Lesben wird ein nicht-weibliches* und Schwulen ein nicht-männliches* Verhalten zugeschrieben. Zudem wird u.a. homosexuellen Menschen der Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, wie z.B. Familienplanung, abgesprochen. So wird z.B. bei heterosexuellen Paaren nicht grundlegend hinterfragt, ob diese in der Lage sind, Kinder zu bekommen und zu erziehen.

Die Einteilung in die zwei Geschlechter diskriminiert nicht „nur“ Menschen, die in diesem Schema als nicht eindeutig wahrgenommen werden, sondern konstruiert auch eine Hierarchie, in der Männer* und Frauen* nicht als gleich bewertet werden. In dieser Hierarchie befinden sich Männer* in privilegierten und Frauen* in diskriminierten Positionen. Doch wie bereits erwähnt strukturiert nicht nur die Kategorie „Geschlecht“ die Gesellschaft auf diese Weise: Mit dieser Kategorie verflochten wirken auch andere Herrschaftsformen, wie z.B. Rassismus, Dis*Ability, Klassismus und Antisemitismus.
Dass in Deutschland viele ökonomisch privilegierte Frauen* keine oder nur noch kaum klassische Hausarbeit machen müssen, heißt auf keinen Fall, dass diese Betätigung gesellschaftlich nicht mehr als „Frauenarbeit“ gesehen wird. Dieser Bereich wird jedoch mittlerweile oft mehrfach diskriminierten Frauen*, u.a. mit Migrationshintergrund, zugewiesen, deren gesellschaftliche Position noch schlechter ist als die einer weißen Frau*.

Wir finden die beschriebenen Verhältnisse unerträglich und wollen mit einer entschlossenen Demo ohne Cis-Männer* praktisch gegen diese Scheiße angehen. Wir wollen einen Raum schaffen, der in dieser Form viel zu selten in dieser Gesellschaft existiert: Einen Raum, in dem ausnahmsweise mal nicht Cis-Männer* in der Überzahl sind, die die Gestaltung in der Hand haben; die privilegiert und dominant sind; die sich ihren Raum nehmen können, wann und wo sie wollen; … Auch wenn nicht alle Männlichkeiten hegemoniale sind, wollen wir sie alle mit Absicht ausschließen, um auf die Privilegien der Kategorie „Cis-Mann“ aufmerksam zu machen. Die beschissenen Geschlechterverhältnisse bedeuten für Nicht-Cis-Männer* häufig alltägliche Kämpfe, und in diesen Kämpfen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – wollen wir uns am 30. April zusammentun und gemeinsam auf die Straße gehen.

Uns ist bewusst, dass die Betonung der Kategorien männlich* und weiblich* und der Ausschluss von Cis-Männern* auch immer eine Art „Stehen-Bleiben“ bedeutet, da so die Kategorien wiederholt und immer aufs Neue hergestellt werden. Irgendwo zwischen radikal dekonstruktivistischen Theoriekonzepten und real erlebten gesellschaftlichen Unterdrückungsmomenten geht es hier vor allem um eine Anerkennung und eine umfassende Kritik der beschriebenen Machtverhältnisse. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der alle Geschlechtsidentitäten gleich bewertet werden oder es die Kategorie Geschlecht gar nicht mehr gibt; du lieben kannst, wen du willst; deine Herkunft keine Rolle spielt; das koloniale Konstrukt von „Rassen“ überwunden ist und allen Menschen eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird. Innerhalb der bestehenden Verhältnisse halten wir es aber dennoch für notwendig, die von uns als konstruiert kritisierten Kategorien zu benutzen, um die damit einhergehenden Privilegien und Zwänge benennen und damit bekämpfen zu können.

Seit den 1970er Jahren gab es in Europa zur Walpurgisnacht, der Nacht zum 1. Mai, feministische Demonstrationen und Aktionen. Unter dem Motto „Take back the night“ wurde, unabhängig von diesem Datum, weltweit gegen sexistische und sexualisierte Gewalt und Übergriffe protestiert. Beides sind Bestandteile einer feministischen Geschichte, auf die wir uns beziehen wollen, auch wenn sie z.T nicht unproblematisch sind. Vor einigen Jahren wurde in Oldenburg begonnen, Motto und Datum zusammenzuführen und seitdem gab es dort einige tolle „Take back the night“-Demos ohne Cis-Männer* am Abend des 30. April. Dieses Jahr wollen wir in Hamburg demonstrieren – gegen die gleichen beschissenen Zustände, aber mal in einem anderen städtischen Kontext.

Wir wollen also mit dieser Demo unter dem Motto „Take back the night“ nachts auf die Straßen ziehen – aber ist es nicht ein Mythos, dass die nächtlichen Straßen für Frauen* ein gefährlicher Ort ist? Sicherlich passieren tatsächlich Übergriffe auf Nicht-Cis-Männer* an dunklen Orten, ausgeführt von Unbekannten. Aber wir wollen betonen, dass die sexistischen Strukturen alle gesellschaftlichen Bereiche prägen: Die meisten Übergriffe finden an Orten statt, die hell erleuchtet sind, z.B. Zuhause oder am Arbeitsplatz – und die Täter5 sind dementsprechend aus dem näheren Umfeld der Betroffenen. Weil sich Täter nämlich gar nicht verstecken brauchen: Denn Sexismus ist Normalität! Diese beschissene Normalität und diese Zustände, die am Tag und in der Nacht herrschen, wollen wir angreifen. Wir wollen den Mythos der gefährlichen Nacht dekonstruieren, indem wir in dieser Nacht gefährlich werden!
Wir wollen unsere Positionen deutlich sichtbar machen in diesen unsichtbarmachenden Zuständen!

  1. Cis-Männer: gemeint sind Menschen, die bei der Geburt als männlich* zugeordnet wurden und sich immer noch als Männer* definieren, oder sich mit ihrer Geschlechtsidentität und sozialen Geschlechterrolle noch nie auseinandergesetzt haben. [zurück]
  2. Dis*Ability: Dieser Begriff bedeutet soviel wie „Behinderung/Nicht-Behinderung“. Wir benutzen den englischen Begriff, weil das Wort „Behinderung“ ganz deutlich den Eindruck eines medizinischen Defekts vermittelt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es „ideale“ Körper gäbe, von denen die anderen abweichen. Für „Ability“ gibt es keine gute deutsche Entsprechung, die das ausdrückt, was sonst nie Erwähnung findet: Die Worte „Ability“ und „able bodied“ bezeichnen die sonst unbenannte Norm. [zurück]
  3. Schwarz – weiß: Die Begriffe „Schwarze“ und „People of Color“ (kurz: POC) sind positiv konnotierte Selbstbezeichnungen, die sich von kolonial geprägten und/oder rassistischen Fremdbezeichnungen bewusst abgrenzen. Sie beziehen sich nicht auf die Hautfarbe oder die vermeintliche „Ethnizität“ einer Person, sondern stellen politische Selbstpositionierungen und eine widerständige Praxis gegen die Markierung als Nicht-Weiße durch eine Mehrheitsgesellschaft dar. Damit deutlich wird, dass auch „weiß“ keine Beschreibung der Hautfarbe einer Person ist, sondern eine konstruierte Kategorie – und keine kämpferische Selbstbezeichnung – , schreiben wir weiß hier klein und kursiv. [zurück]
  4. Warum Frauen* und Männer*? Das Sternchen bei Frau*/Mann*, sowie bei männlich*/weiblich*, soll darauf hinweisen, dass wir diese Kategorien als gesellschaftliche Konstruktionen verstehen. Die Auffassung, Geschlechter und Geschlechtsidentitäten seien etwas „natürliches“, lehnen wir ab. Außerdem weist das Sternchen darauf hin, dass wir zwar als eins von 2 Geschlechtern sozialisiert werden, das jedoch nicht bedeutet, dass es nicht auch vielfältige männliche* und weibliche* Identitäten gibt. Z.B. gibt es nicht nur „hegemoniale Männlichkeit“ („hegemonial“ heißt in etwa „vorherrschend“), sondern auch weniger privilegierte oder unterdrückte Männlichkeiten. [zurück]
  5. Täter – warum nur die männliche* Form? Da die meisten Täter männlich* sind, verwenden wir hierbei ausschließlich die männliche Form. Damit wollen wir nicht diejenigen übergehen, die betroffen sind von Gewalt durch Frauen*. Wir wollen darauf hinweisen, dass es kein Zufall ist, dass hauptsächlich Männer* in dieser Gesellschaft zu Tätern werden, sondern strukturell bedingt. [zurück]
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1 Antwort auf „30.04. Take Back the Night – Demo in Hamburg“


  1. Gravatar Icon 1 Barbara Ritter 03. Mai 2013 um 21:11 Uhr

    Guten Tag,
    ein schwuler Mann, der sich schon immer so fühlte und noch immer sieht, das ist auch ein dem Stigma „CISmann“ zuordbarer Mensch? Im Lateinischen ist das Präfix cis- übrigens gleichbedeutend mit „diesseitig“.

    Ability läßt sich übrigens nicht mit Nicht-Behinderung übersetzen. Sehr wohl disability aber mit zum Beispiel Nichtkönnen. Und schnappt euch mal alle Worte die mit dis- beginnen. Sie meinen immer etwas entzweites, voneinander entferntes und selbst wo sie auf etwas aufeinander bezogenes verweisen (wie bei Diskussion, Diskurs, Diskus) entsteht eine Diskussion nur, wenn nicht alle gleichermaßen dasselbe vertreten und ein Diskus erfüllt erst seinen Sinn, wenn er die Hand verlassen. Insofern verhandelt der englische Begriff ncht weniger diskriminierendes als der deutsche „Behinderung“, er hat aber einen entscheidenen Vorteil sprachlich abgebildet (ohne die Kämpfe der letzten 40 Jahre (siehe Krüppelbewegung u.a. undenkbar) und Stück für Stück verwirklicht, wobei die letzten zehn Jahre üble rollbacks beinhalteten. Es wird von den needs der Menschen ausgegangen, obwohl immer noch einige als spezial bezeichnet werden, und nicht von den Schäden oder wie auch immer man es nennen möchte.
    Herzliche Grüße, Bärbel Ritter

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