Kritik zum Film „Tomboy“

Gelobt wird der seit neuestem in den Kinos zusehende Film Tomboy. Als unbeschwertes Spiel mit Geschlechtsidentitäten und Rollenklischees. Als Film der „Leichtigkeit“ darstellen würde (Filmstart Kritiken) „ohne jede pädagogische Anstrengung“ (FAZ). Doch diese Sichtweise können wohl nur Menschen teilen, die nicht selbst von der Gewalt betroffen sind, die anderen entgegengebracht werden, deren Geschlechterperformance Irritationen hervorruft. Auch der Spiegel lobt den Film, verweist aber gleichzeitig auf Boy’s don‘t cry, ein 1999 erschienener Film über einen Trans*Mann. Allein dieser Vergleich lässt das Fazit leichte Lektüre nicht zu, denn wie in Boy’s don‘t cry stellt auch Tomboy Gewalt dar und und ist zudem durch seine Darstellungen selbst gewalttätig.

Aber der Reihe nach, denn nicht alles ist schlecht an diesem Film. Eine Familie mit zwei Kindern, zieht in eine neue Stadt. Das ältere von ihnen Laure/Michael ist die Hauptfigur des ganzen Films. Bis zum Ende bleibt die Geschlechtsidentität des Kindes offen. Genau diese Offenheit ist eine große eigentlich die größte Stärke des Films, denn es gibt keinen Grund sich festzulegen. Ein Spiel mit den Identitäten, oder doch nur mit den Rollenvorstellungen, oder doch ein Trans*Junge? Der Film umgeht mit seiner Offenheit die starren Vorstellungen Junge oder Mädchen, Trans*Junge oder CisMädchen, CrossDresser*in oder sonstwas sein zu müssen. Laure/Michael scheint Lust daran zu haben sich auszuprobieren und zumindest zeitweise als Junge wahrgenommen werden zu wollen. Diese Lust geschieht ohne den Zwang sich in die Schublade trans* einordnen zu müssen, mit etwas Schüchternheit aber doch insgesamt mit einer Leichtigkeit, die schön zu sehen ist.

Mindestens genauso schön zu sehen ist die Solidarität der kleinen Schwester. Sie ertappt Laure/Michael bei der Darstellung als Junge und weiß das Geheimnis auszunutzen um zum Spielen zu den anderen Kindern mitgenommen zu werden. Doch sie verspricht sich nie und sogar vor den Eltern scherzt sie mit dem Geschwisterkind über einen Michael, der ihr von den Kindern am besten gefallen hätte. Dieser solidarische und sehr schnell selbstverständliche Umgang lässt das Bild einer perfekten Familie entstehen. Nach ca. einer Stunde des Films hätte dann auch Schluss sein können, ganz ohne Spannungsbogen und Wendung, einfach nur ein bisschen Balsam für die Seele, in der sonst manchmal so nervigen Welt. Warum auch nicht mal einen Film machen, der einfach nur schön ist und schildert wie schön es sein kann, auch als Kind, was nicht in die Klischeevorstellungen passt?

Aber nein der Film musste leider kippen und das auch noch so platt wie viele andere Mainstream Trans*Jungsfilme. Laure/Michael fliegt auf und nach dem die Mutter durchdreht muss das Kind vor den anderen im Wald fliehen. Schafft es nicht wegzurennen und wird schließlich von der ursprünglichen Freundin ausgezogen, damit es alle anstarren können. Warum? Natürlich gibt es Gewalt gegen Menschen deren Gender Irritationen hervorruft und die kann/darf/muss (!?) auch thematisiert werden. Doch Gewalt ist vielschichtig und sehr verschieden, auch gegen (vermeintliche) Trans*menschen! Warum nicht verprügeln, anspucken, auslachen, falschen Namen benutzen, Fahrrad klauen…? Warum wie bei jedem Mainstream Film der ein ähnliches Thema hat („Mein Freund aus Faro“, „Seventeen – Mädchen sind die besseren Jungs“, „XXY“, …) nach dem Boy’s-don‘t-cry-Schema vorgehen, dass die Person wegrennen muss und/oder ausgezogen wird? Soll das die Gewaltvorstellungen des überwiegend Cisgender1-Publikums gegenüber queeren Menschen widerspiegeln? Diese gleichförmige Gewaltdarstellung zeigt zudem nicht einfach nur neutral die Gewalt gegenüber einer einzelnen Person. Sie stellt zugleich durch die permanente Wiederholung eine Drohung an alle queeren Leute dar. Ähnlich wie die ständige Darstellung, dass Vergewaltigungen von Fremden in dunklen Parks ausgehen den Diskurs bedient, dass Mädchen und Frauen nachts nicht allein auf die Straße sollen.

Die überforderte Mutter bleibt mit ihren übergriffigen Handlungen (Laure/Michael gegen ihren*seinen Willen und ohne Planung bei allen zu outen) völlig unkritisiert stehen. Wenigstens der Vater als Ausgleich und aufzeigende Handlungsoption, dass das was die Mutter macht nicht alternativlos ist, wäre schön gewesen. Der Vater allerdings zieht sich völlig zurück und hält sich anscheinend aus der Klärung des Konflikts komplett raus.

Selbst gewaltvoll wird der Film, als er die beiden Kinder beim Baden zeigt, die Darstellung der nackten kleinen Schwester vermeidet und nur Laure/Michael nackt in der Badewanne stehen muss. Vermutlich soll damit die voyeuristische Neugier des*der Zuschauer*in gestillt werden nun endlich zu wissen, was sich zwischen den Beinen des Kindes befindet und „von welchem Geschlecht“ das Kind gespielt wird. Eine komplett überflüssige Szene, die bei Trans*menschen nichts als Magenkrämpfe verursacht. Die Uneindeutigkeit, die Laure/Michael als Filmfigur nicht zugestanden wird, darf auch Zoe als Schauspieler*in nicht genießen. In dem Film werden Eltern und Kinder gewalttätig, das Publikum wird früh aufgeklärt um die Ungewissheit nicht aushalten zu müssen. Schade.

Als letztes bleibt die offene Frage, was mit dem Ende beabsichtigt wurde. Nach dem gewaltvollen Verhalten der Freundin, fragt diese erneut nach dem Namen und Laure/Michael nennt den Passnamen (den er*sie möglicherweise auch als den eigenen ansieht, das ist hier nicht der Punkt). Danach grinsen beide und Ende ist. Was soll das bitte aussagen? Wenn mensch aufhört zu lügen haben eine*n alle wieder lieb? Einen Sommer lang kann mensch ja rumspinnen, aber danach muss das auch wieder aufhören und wir tun so als wär nichts gewesen? Wir stellen die heteronormative Ordnung wieder her, sind einfach „nur“ Freundinnen und unsere Freundschaft übersteht das auch wenn „du“ komisch bist?

Aus der Sicht von Betroffenen (Trans*menschen, Genderqueers, etc….) hat Celine Sciamma mit diesem Film weder etwas neues noch sonderlich gehaltvolles auf die Leinwand gebracht. Filme sollten vielleicht nicht über Trans*menschen/Genderqueers gemacht werden, sondern mit ihnen. Dann ist eine respektvolle Darstellung auch wesentlich wahrscheinlicher.

  1. Cis als sprachliches Pendant zu Trans. Cisgender sind dementsprechend Menschen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. [zurück]
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5 Antworten auf „Kritik zum Film „Tomboy““


  1. Gravatar Icon 1 glittergrr 13. Mai 2012 um 18:39 Uhr

    danke fuer die gute Kritik! War schon genervt das niemenschd den Film kritisch gesehen hat!

  2. Gravatar Icon 2 grantel 13. September 2012 um 17:42 Uhr

    Wow. kann es gar nicht fassen, dass hier noch keine kommentare stehen. finde diese rezension unsagbar zutreffend. war mir nie sicher, ob ich der_die einzige trans*person bin, die die sache mit den immergleichen tropen und bildern in filmen mit trans*_inter*-bezug problematisch findet. herzlichen dank dafür, dass ich jetzt immer einen text haben werde, den ich verlinken kann, wenn meine bekannten nicht verstehen, warum ich nicht lust/ die nerven habe, mir den letzten/ nächsten von cissen gemachten trans*_inter*-film anzuschauen.

  3. Gravatar Icon 3 Zweisatz 03. Oktober 2012 um 6:27 Uhr

    DANKE! Die meisten dieses Punkte haben mich total gestört und beim Rest hast du mir Gedankenfutter gegeben.

  4. Gravatar Icon 4 David 05. Oktober 2012 um 9:39 Uhr

    Also warum um alles in der Welt geht man davon aus, dass dieses Kind mit Identitäten spielen will? Ich habe den Film als sehr bedrückend und realistisch empfunden. Und für mich arbeitet dieser Film sehr eindeutig die Probleme und Zerrissenheit eines Kindes heraus, das eine Transidentität aufweist. Interessant finde ich die Interpretation und Forderungen an einen solchen Film im obigen Beitrag dennoch. Wünschenswert wäre ein solcher Film in jedem Fall. Tomboy thematisiert für mich dies jedoch nicht.

    Auch das Ende habe ich völlig anders interpretiert. Hier haben sich nicht plötzlich alle lieb, sondern es verdeutlicht eine sehr realistische, unerträgliche Situation, in denen Kinder von ihren Eltern Grenzen gezeigt bekommen, in denen sie sich zu bewegen haben. Michael „darf“ das nicht, was er da macht, „was sollen die anderen denken“. Angst, Panik und Ohnmacht auf Seiten der Eltern werden auf das Kind übertragen. Michael muss Laure sein, anders geht es nicht. Das habe ich selbst so erfahren in meiner Kindheit.
    Die Kritik an der Szene, in der Michaels Geschlecht von den anderen Kindern überprüft wird, kann ich nachvollziehen, sehe aber auch hier eine realistische Darstellung des Zwangs von außen sich zuordnen zu müssen. Auch schon im Kindesalter sind nicht eindeutige Zuordnungen für andere unbequem. Man lernt von klein auf „Mann oder Frau“ und im gleichen Atemzug natürlich auch, dass der Körper die Zuordnung bestimmt. Das ist traurig und belastend. Zumal im Kindesalter die eigene Wahrnehmung und die „vorpubertäre Neutralität“ des Körpers den Umgang mit dem eigenen Körper und der gefühlten Zuordnung extrem erleichtern. Das ist dann doppelt schlimm, wenn dies von anderen nicht akzeptiert werden kann.

    Ich stimme zu, dass die oben zitierten Filmkritiken unangebracht sind. „Leichtigkeit“ sehe ich nicht. Der Film ist bedrückend und schwer. Bedrückend realistisch und traurig.

    Die Filmszene, in der Michael dem Publikum als Cismädchen präsentiert wird, empfand ich selbst auch als unangenehm und unnötig voy­eu­ris­ti­sch. Hat aber dennoch bestätigt, dass es sich hierbei um ein transgeschlechtliches Kind handelt. Finde ich.

    Der gewünschte queere Trans*film voller Leichtigkeit, verspielter Identitäten lässt wohl noch auf sich warten. Tomboy deswegen so scharf zu kritisieren ist für mich nicht so ganz nachvollziehbar. Allerdings, wie gesagt, auch nicht die anderen Kritiken, die das Lob an völlig falscher Stelle ansetzen und ihn m.E. nach sogar völlig fehlinterpretieren mit solchen Aussagen wie die oben zitierten.

  5. Gravatar Icon 5 Janus 01. Dezember 2012 um 12:53 Uhr

    >>Eine kom­plett über­flüs­si­ge Szene, die bei Trans*men­schen nichts als Ma­gen­krämp­fe ver­ur­sacht.

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