Verbindungen sprechen. Verbindungen schreiben. Verbindungen sprechen und schreiben. Verbindungen von Rassismus und Transphobie in LSBTI- Zusammenhängen. Mehr als nur ein Arbeitstitel. Der Versuch eines Anfang.

Es geht um Gewaltverhältnisse. Das Zusammenspiel von nationalstaatlich-struktureller Gewalt, sozialer und psychischer Gewalt sowie auch physischer Gewalt. Es geht darum, komplexe Gewaltverhältnisse anzusprechen, auszusprechen. Aber in welcher Sprache? Wie sprechen? Menschen werden auch in LGBTI-Kontexten diskriminiert, weil sie kein »gutes Deutsch« sprechen, oder mit »Akzent« sprechen. Was ist »gutes Deutsch«, was ist Akzent?

Weiß-deutsch aussehende Menschen, die bayrischen »Akzent« sprechen, werden nicht aufgrund ihres »Akzents« diskriminiert. Jedoch werden Menschen in staatlichen Behörden, im Supermarkt, auf der Straße, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz und in LSBTI-Zusammenhängen diskriminiert, wenn ihr Sprechen mit »Akzent« als Indiz dafür genommen wird, dass eine Person anders ist, »hier nicht hergehört«. »Nicht-Deutsch aussehenden « Personen, Migrant_innen, Schwarzen und People of Color wird im Gegenzug allzu oft ihr »gutes akzentfreies Deutsch« bzw. ihre Zugehörigkeit und ihr Aufenthaltsrecht abgesprochen oder zumindest in Zweifel gezogen. Menschen sind schon immer migriert und für Migration gibt es viele Gründe. Sprachen sind schon immer dynamisch. Genauso wie Geschlechtsidentitäten. Jedoch werden Menschen diskriminiert, wenn ihre Stimme, ihre Stimmlage vermeintlich zu hoch oder zu tief ist für ihr Aussehen, für ihre gelebte und verkörperte Geschlechtsidentität; wenn ihr Sprechen vermeintlich nicht zu ihrem Aussehen, ihrer Hautfarbe, oder ihrem Namen passt.
erschienen auch in der Tapesh-Broschüre von LesMigras: „Verbindungen sprechen“.

Die Überschneidungen von Rassismus und Transphobie äußern sich darin, dass Menschen nicht passieren (passen) dürfen, ohne dass ihre Zugehörigkeit in Frage gestellt oder abgesprochen wird, was sowohl ihre Geschlechtsidentität als auch ihre nationalstaatliche Zugehörigkeit, ihre Daseinsberechtigung in Deutschland betrifft. Bei Identitätskonstruktionen und der Frage, wer dazu gehört, zu welchem Geschlecht und zu welchem Land, und von wem es sich abzugrenzen gilt, ist immer Definitionsmacht involviert. Es gibt strukturelle, soziale, psychische und physische Gewaltverhältnisse, an denen alle teilhaben, aber nicht alle in diesen Gewaltverhältnissen gleich exponiert sind, je nachdem wie sie gesellschaftlich positioniert sind. Es geht um strukturelle Diskriminierungen und Kriminalisierungen, insbesondere von Transpersonen of Color, deren Mehrfachzugehörigkeiten und Gewalterfahrungen nicht in entweder Rassismus oder Transphobie passen. Jedoch werden diese komplexen Gewalterfahrungen in der LSBTI-Szene zumeist ausgeblendet und wenn überhaupt monothematisch als Transphobie oder Rassismus thematisiert.

Ein Beispiel dafür ist der Transgender Day of Remembrance in Berlin und in anderen Städten weltweit, bei dem an ermordete Trans_Menschen erinnert werden soll. Dass viele der Ermordeten Trans_Menschen of Color sind, die nicht der Mittelschicht angehörten und nicht nur von Transphobie betroffen sind, sondern gleichzeitig von alltäglicher rassistischer und ökonomischer Gewalt, wird zumeist ignoriert (auch wenn nach deren Ermordung oft nicht klar ist, ob (allein) Transphobie die Täter_innen zu ihrer Gewalttat motiviert hat.) Dies ist eine Politik, die einen Menschen auf ein Identitätsmerkmal reduziert. Eine Politik, die die Komplexität und Verwobenheit von Gewaltverhältnissen und der eigenen Partizipation durch die Adressierung nur eines Diskriminierungs-verhältnisses ausblendet, in diesem Fall Transphobie.

Die LSBTI-Szene steht vor der Aufgabe der Adressierung und Reflektion von individuellen und kollektiven Partizipationen in diesen Gewaltverhältnissen, die sich in diesem Text schwerpunktmäßig auf Rassismus und Transphobie beziehen, jedoch die Notwendigkeit artikulieren, Machtverhältnisse in ihrer Gesamtheit zu thematisieren und in Frage zu stellen. Wenn diese Gewaltverhältnisse herausgefordert werden und es dabei zu Konfrontationen mit Staats- und Polizeirepressionen kommt, wer wird aufgrund von Aussehen, Hautfarbe und Kleidung selektiv herausgepickt? Wer hat die richtigen Ausweispapiere, die die »richtige Zugehörigkeit« zum Nationalstaat, zum »richtigen Geschlecht« bezeugen? Wer wird schikaniert und/oder physisch angegriffen wegen der Art und Weise, wie eine Person (deutsch) spricht, wegen der Nationalität, des Namens, des Geschlechtes im Pass? Was ist mit Menschen, die von der Polizei mitgenommen werden und in den »falschen Knast« gesteckt werden, weil nur das Geschlecht, das im Pass steht, Grundlage der Entscheidung ist, egal wie eine Person sich definiert und ob sie eine Namensänderung und weitere Transitionen vollzogen hat. Was ist mit Menschen, die wegen »falscher Ausweispapiere«, keinen Ausweisdokumenten, illegalisiertem Aufenthaltsstatus gleich in den Abschiebeknast kommen?

Wer jetzt denkt, dass dies extreme Beispiele sind, der irrt. Es sind unterschiedliche Ausformulierungen von strukturellen Gewaltverhältnissen, in denen nicht alle auf gleiche Weise exponiert sind; die nicht alle »sehen müssen«, da sie marginalisierte unsichtbargemachte Lebensrealitäten darstellen. Was ist mit den Übergriffen auf die Trans_Sexarbeiter_innen im August 2009 in der Frobenstraße Berlin, die keine einmaligen Gewalttaten darstellen, sondern im Kontext tagtäglicher verbaler und physischer Gewaltverhältnisse stehen. Sind sie angegriffen worden, weil sie Trans sind, oder weil sie Sexarbeiter_innen sind, oder weil sie evtl. migriert sind und evtl. einen prekären Aufenthaltsstatus haben? Es geht um strukturelle Kriminalisierungen aufgrund von abweichender Geschlechtsidentität, in Verbindung mit prekarisierter Arbeit, in Verbindung mit prekären ökonomischen- und Aufenthaltsstatus in der deutschen Gesellschaft.

Und jetzt sagt noch mal, die Transtagung wäre für alle da. Für wen sind die mehrheitlich weiß-deutschen Räume (sicher), wenn das Bundeskriminalamt mit größter Wahrscheinlichkeit auch personell vertreten ist? Wer wird diskriminiert und wer kann sich in diesen Räumen sicher austauschen, wenn staatliche Repressionsorgane, die einer Mitteilungspflicht unterliegen, im gleichen Raum sind? Die TransTagung will Trans_Menschen nicht aufgrund beruflicher Tätigkeit diskriminieren, so die Antwort auf die diesjährige erneute Anfrage zu ihren politischenEntscheidungen über Inklusion und Exklusion. Die Entscheidung für Staatliche Repressionsorgane zu arbeiten, unterliegt der freien Entscheidung und ist veränderbar. Geburtsort, Geschlecht in Geburtsurkunde und Pass, Muttersprache, Hautfarbe und Klassenhintergrund und die damit verbundenen Repressionen sind hingegen keine selbstgewählten, veränderbaren Entscheidungen. Wer hat Zugang zu einer Tagung, wenn fast alle Workshops nur auf Deutsch sind und keine Übersetzungen angeboten werden und auch mit der Teilnahmesumme maßgeblich eine weiße deutsche Mittelschichtstrans-Szene adressiert wird.

Bin ich zynisch? Die Transtagung ist ein Beispiel. Mir geht es nicht darum »in der Szene« Initiativen und Gruppen zu dissen. Ich bin teil davon und es wird dort viel wichtige Arbeit geleistet. Mir geht es um politische Veränderungen und darum, Verantwortungzu übernehmen. Selbst Diskriminierungen zu erfahren hat keine selbstverständlichen Konsequenzen, ein kritisches Bewusstsein für weitere Gewaltverhältnisse zu entwickeln. Aber eigene Diskriminierungserfahrungen stellen Potential dar, sich mit den eigenen Normen, eigenen Normalitäten auseinanderzusetzen und die eigene Partizipation an Ausschlüssen kritisch zu hinterfragen. Wenn es einen community-Gedanken in LGBTI-Zusammenhängen geben soll, kann dieser nicht auf einer »gleichen Identität« aufgrund von Sexualität und/oder Geschlecht basieren, sondern auf der gegenseitigen Anerkennung von Diskriminierungen und Differenzen und darauf, uns in unseren Kämpfen gegenseitig zu unterstützen, zu verbünden, zu solidarisieren, auf der Notwendigkeit, Haltung und einen Standpunkt zu strukturellen Gewaltverhältnissen und –situationen zu beziehen. Dazu gehört auch, die eigenen Normen und Ausschlüsse aktiv zu konfrontieren und zu bekämpfen.

Für wen sind welche LSBTI-Räume? Wer hat Zugang? Wer soll sich wie sicher fühlen können? Raumpolitiken in LSBTI-Kontexten stellen eine wichtige Dimension dar, wenn es um Verantwortlichkeiten und Konsequenzen von politischen Entscheidungen geht. Raumpolitiken müssen nicht nur transparent, sondern auch kritisch reflektiert werden in Bezug auf ihre Diskriminierungen und Ausschlüsse. Oft geht es um Ausschlüsse und Diskriminierungen, die auf grundlegenden primären Interaktionsformen basieren, insbesondere dem Unterschied, willkommen geheißen zu werden, begrüßt zu werden, oder geduldet/toleriert/geoutet zu werden.

Dieser Text ist ein Versuch, Verbindungen zwischen Transphobie und Rassismus zu thematisieren. Es ist der Beginn eines Austausches und die Forderung, Fragen zu stellen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen:

• Für wen sollen die Räume/Veranstaltungen sein? Wer/welche Gruppen haben Zugang? (Räumlichkeiten, Sprache, Codes, Infos?)

• Welche Gruppe(n) sind dominant und welche Gruppen/Menschen sind so gut wie nie da? Warum?

• Welche Gruppen sind gesellschaftlich diskriminiert, auch innerhalb der Szene? Wie sollen sich diese eingeladen und wohl fühlen?

• Wer wird wie eingeladen/adressiert/angesprochen?

• Welche Sprachen – auch Gebärdensprache – werden benötigt?

• Wer braucht welche Unterstützung, um teilnehmen zu können? Finanzielle Unterstützung, Kinderbetreuung etc?

• Welche Codes sind bekannt?

• Was bedeutet es, wenn Plakate in Räumen hängen, wenn keine sexistische, rassistische, homophobe, transphobe, antisemitische, antimuslimische, antiziganistische Gewalt geduldet wird? Welche Unterstützungsmöglichkeiten werden für Betroffene angeboten, wenn verbal oder physisch Gewalt ausgeübt wird? Wer fühlt sich verantwortlich bei z.B. rassistischen oder transphoben Gewalttaten einzuschreiten? Wie? Wer wird gehört, wer wird nicht gehört? Wer spricht wie über wen? Wer kann sich wie solidarieren? Welche politischen Konsequenzen werden daraus gezogen?

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1 Antwort auf „Verbindungen sprechen. Verbindungen schreiben. Verbindungen sprechen und schreiben. Verbindungen von Rassismus und Transphobie in LSBTI- Zusammenhängen. Mehr als nur ein Arbeitstitel. Der Versuch eines Anfang.“


  1. Gravatar Icon 1 Notwendig 25. Februar 2012 um 17:55 Uhr

    Das ist eine recht ausführliche Bestandsaufnahme. Nur: Was schlussfolgerst du daraus? Oder soll es bei der Anklage an die „weiß-deutsche“ Mehrheit bleiben? Mit „kritischem Bewusstsein“ ist das Problem nicht gelöst.

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