Same discussions as every year Intervention gegen die (bewusste oder unbewusste) Ausgrenzung von trans*Frauen

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Die Diskussion um die Frage, ob trans*Frauen Zugang zu Frauen(Lesben)räumen haben, ist nicht neu. Es ist schon an vielen Orten immer wieder – auch sehr verletzend – darüber debattiert worden – mit unterschiedlichen Ergebnissen.
An sich reicht eigentlich die Feststellung, dass die wenigsten Frauenräume „CisFrauenraum“ heißen und trans*Frauen ja nunmal Frauen sind und somit selbstverständlich Zugang zu Frauenräumen haben. Doch angesichts der wiederkehrenden Auseinandersetzungen scheint es so einfach nicht zu sein. Die Argumente wurden über die Jahre ausgetauscht, ein für alle vertretbarer Konsens scheint dennoch in weiter Ferne. Wir versuchen mit diesem Text die Diskussion ein wenig aufzudröseln und zu sortieren, denn Frauenraum ist nicht gleich Frauenraum und Gegenargument nicht gleich Gegenargument und unser Wahrnehmung nach geht da häufig viel zu viel durcheinander. Wir, das sind trans*Männer – oder sowas in der Art –, die sich früher teilweise auch in Frauenräumen bewegt und sie mitgestaltet haben.

Wenn wir von Räumen sprechen…
…meinen wir keineswegs ausschließlich vier gemauerte Wände, die ein Dach darüber haben. Es gibt viele Sachen, die mensch schließen kann und dementsprechend begreifen wir den Begriff „Raum“ auch etwas umfassender. Für die Diskussion ist es jedoch nicht unerheblich zu klären, ob gerade über eine Party, einen Workshop, Duschen, Demos, Schlafräume,… geredet wird. Daher werden wir später auch auf einzelne Räume detaillierter eingehen.

Geschlossene Räume – eine Notwendigkeit in den bestehenden Verhältnissen
Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn wir in Verhältnissen leben würden, in denen die Wörter Patriarchat und Sexismus – und am besten auch Männer und Frauen – nur noch in den Geschichtsbüchern vorkommen. Und das nicht, weil alle der Meinung sind, eine Bundeskanzlerin sei das Kennzeichen dafür, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, sondern weil die Verhältnisse tatsächlich überwunden wurden. So ist es aber aktuell nicht und eine (!) Strategie mit den bestehenden Verhältnissen umzugehen, ist die Selbstorganisierung von Frauen* bzw. der (zeitweise) Ausschluss von Männern*.1

Ausschlüsse passieren tagtäglich, die meisten von ihnen versteckt und nicht explizit formuliert, sondern durch die Strukturen bzw. Reproduktion der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb von Szeneräumen geschaffen. Wenn „die Szene“ vornehmlich deutsch, weiß, männlich, jung und „gesund“ ist, dann liegt das nicht daran, dass „die anderen“ unpolitisch sind, sondern daran, dass z.B. sexistische Vollidioten nicht rausfliegen, das eigene weiß-sein kein Stück reflektiert wird und Rampen an Treppen für überflüssig gehalten werden, weil „die Rollifahrer*innen“ ja eh nicht kommen. Auch wenn Frauenräume für trans*Frauen eigentlich offen sind, solange sie nicht explizit ausgeladen werden, wird durch das Verhalten anderer häufig schnell deutlich, dass sie nicht erwünscht sind. Es wäre also eine Illusion zu glauben, dass es in den derzeitigen Verhältnissen Räume gibt, die allen offen stehen. Die Frage ist also nur, wie explizit und ehrlich wir diese Ausschlüsse formulieren.

Es gibt viele Gründe Räume für Männer zu schließen. Oft sind diese jedoch selbst in den (organisierenden) Gruppen unklar. Unserer Ansicht nach hat es Sinn sich öfter mal klar zu machen, was gerade genau der Zweck der Schließung ist. In diesen Definitionsversuchen ist es auch gut, erstmal zu erfahren, wie die anderen das denn sehen. Und wenn die jeweiligen Gründe/Motivationen klar sind, kann auch klarer werden, wer warum überhaupt (nicht) dabei sein soll.
Ein Bedürfnis hinter Schließungen ist der Wunsch nach Schaffung von „Schutzräumen“.2 Geschützt werden soll vor Mackerverhalten, „männlichen Blicken“, Übergriffen. Der Gedanke, dass ein Raum ohne (Cis)Männern frei von beschissenem Verhalten ist, bleibt eine Illusion, da leider auch Frauen immer wieder übergriffig werden. Dennoch ist die gesellschaftliche Realität weiterhin so, dass der Großteil der Übergriffe von (Hetero)Männern ausgeht und ein Raum ohne sie zumindest sicherer ist, als ein Raum mit ihnen.

Eine andere Idee dahinter lässt sich vielleicht grob unter dem Begriff „Empowerment“ zusammenfassen. Der Wunsch nach politischem Agieren von einer gemeinsamen unterprivilegierten Position heraus. Einen Austausch zwischen Menschen über Erfahrungen aufgrund gemeinsamer Geschlechtszuschreibungen. Erfahrungen in Bereichen sammeln, die sonst männerdominiert sind. Gerade Letzteres wird in gemischten Gruppen oft dadurch verhindert, dass in Anwesenheit von scheinbar versierten Männern, die Hemmschwelle größer ist Aufgaben zu übernehmen bzw. bestimmte Aufgaben fast automatisch vom Männern übernommen werden.

Ein weiterer Grund kann sein, dass das Sozialverhalten in Anwesenheit von Männern ein anderes ist. Das könnte daran liegen, dass unsere Gesellschaft männerfixiert und damit die Aufmerksamkeit automatisch auf diese gerichtet ist, sobald sie anwesend sind. Nicht zu vergessen die symbolpolitische Ansage an die Genossen, wenn Frauen sich selbst organisieren und sich Räume, die sonst meist männerdominiert sind, aneignen und sie „besetzen“.

Gesellschaftliche Verortung von trans*Frauen
Unsere Gesellschaft ist patriarchal strukturiert. Das bedeutet unter anderem, dass alle Menschen Männer oder Frauen sein müssen und auch nur diese. Wer zu welcher Gruppe gehört, wird spätestens bei der Geburt festgelegt. Darüber hinaus kann in der Regel die konstruierte Gruppe „der Männer“ eher gesellschaftliche Macht ausüben, während „den Frauen“ diese strukturell entzogen wird. Männer sind dabei das Maß aller Dinge und im patriarchalen Machtgefüge privilegiert.

Da die Welt nicht nur rosa und hellblau sondern bunt ist, gibt es recht viele Menschen, die aus diesem einfachen Schema (Mann-Frau) raus fallen. Trans*Frauen zum Beispiel wurde nicht bereits seit der Geburt zugestanden Mädchen zu sein. Und auch wenn sie erwachsen sind, müssen sie häufig um die Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität kämpfen. Mit ihrem Leben als Frauen geben sie alle männlichen Privilegien – die sie evtl. mal hatten – ab. Werden sie als (Cis)Frauen wahrgenommen, haben sie den gesellschaftlichen nicht-privilegierten Stand wie CisFrauen und müssen mit den alltäglichen sexistischen Verhältnissen umgehen. Werden sie nicht als CisFrauen wahrgenommen, wird ihnen zum einen ihre Identität abgesprochen und zum anderen sehen sie sich häufig mit homophoben und trans*feindlichen Aggressionen konfrontiert.

Auch „die Szene“ (linke/feministische/queere/…) ist da nicht viel besser. Auch sie orientiert sich an vermeintlich männlichen Maßstäben und wertet Weiblichkeit ab. Auch in ihr müssen trans*Frauen um die Anerkennung ihrer Identität kämpfen und auch in ihr sind sie mit Homophobie und Sexismus konfrontiert. Auch in „der Szene“ werden ihre Räume spätestens mit ihrem Outing immer enger – ausgesprochen oder unausgesprochen.

Also…

Diese gesellschaftliche Realität bringt uns zu der Meinung, dass alle Frauen aus einer ähnlichen – keineswegs gleichen – Position heraus (natürlich nur in Bezug auf Geschlechterverhältnisse) agieren und es keinen Grund gibt, an diesem Punkt durch Ausschlüsse zu differenzieren. Im Gegenteil! Da trans*Frauen durch die Aberkennung ihrer Identität angegriffen werden, ist die Anerkennung selbiger extrem wichtig. Über den gesellschaftlichen Sexismus hinaus wird ihnen zudem mit dem Vorwurf – und nicht selten den darauf folgenden Angriffen – begegnet, sie hätten die Männlichkeit bzw. die Männer verraten.

Demo, Dusche, Disco – Trans* in 3D
Wie bereits erwähnt verstehen wir Räume recht umfassend. Unterschiedliche Räume werden aus unterschiedlichen Gründen geschlossen. Deswegen wollen wir an dieser Stelle einzelne Kategorien von geschlossenen Räumen einzeln ausführen.

Partys: Da Partys meist keine politische Aktion sind, werden sie vermutlich geschlossen, um auf der Party ein anderes Klima zu schaffen und die Party sicherer zu machen. Ein vollständig sicherer Raum ist eine Party nie; viel zu häufig kommt es zu Übergriffen und unangenehmen Situationen – auch auf geschlossenen Partys. Dennoch ermöglichen es geschlossene Partys manchen Frauen (überhaupt oder entspannter) zu feiern, ohne das Gefühl (wie auf gemischten Partys) dauerhaft Gefahr zu laufen blöd angemacht zu werden.
Was ändert sich daran wenn trans*Frauen da sind? Nichts. Ist eine Party entspannter, wenn keine Männer da sind, so ändert sich das unter Anwesenheit von trans*Frauen nur, wenn CisFrauen diesen ihre Identität als Frau absprechen. Denn wenn sie das nicht tun, bleibt der Raum ja geschlechtshomogen.

Außerdem sollte allgemein klar sein, dass ätzendes Verhalten nicht geduldet wird. Menschen, die zu viel Raum einnehmen, können durchaus darauf hingewiesen und gebeten werden, es zu lassen – unabhängig von dem Geschlechtseintrag auf der Geburtsurkunde. Menschen, die übergriffig sind, sollten rausfliegen. Vielleicht macht es Sinn, neben den Identitätszuweisungen als Voraussetzung, auch die Atmosphäre zu nennen, die mensch sich auf dem jeweiligen Event wünscht und was nicht toleriert wird. Vorteil: nicht nur mehr Akzeptanz gegenüber trans*Frauen, sondern auch mehr Bewusstsein für störendes Verhalten und weniger Scheinharmonie, wenn ein Frauenraum als perfekt solidarisch und übergriffsfrei – weil ohne Männer – imaginiert wird.

Demos: Geschlossene Demos oder Demospitzen sind vor allem eine interne Szenekritik gegen pseudomilitantes Mackerverhalten und Statements, dass Frauen ja keine erste Reihe machen könnten.
Demos können unseres Erachtens nach kein Schutzraum sein. Allerdings wird für geschlossene Demos oder Blöcke ab und zu damit argumentiert, dass sich Menschen darin sicherer fühlen, da diese Blöcke nicht so eskalieren würden (sprich in die Auseinandersetzung mit den Bullen o.a. gehen). Zum einen legen den Grad der Eskalation häufig nicht „wir“ fest; wenn Bullen, Nazis oder andere Trolls eine Demo angreifen wollen, dann kann es passieren, dass sie dies tun, unabhängig davon, ob die Demo die Auseinandersetzung sucht oder nicht. Davon abgesehen finden wir die Zuschreibung, dass Frauenblöcke Situationen nicht eskalieren würden, doch sehr merkwürdig. Frauen können genauso militant agieren (sie tun es nur häufig ohne zur Schau gestellter Männlichkeit) und Frauenblöcken abzusprechen, das auch zu tun, folgt einer schrägen patriarchalen Logik.

Geschlossene Demos fallen also eher unter den Punkt Aneignung von Räumen/Empowerment/Agieren aus einer ähnlichen sozialen Position heraus. Wie wir weiter oben bereits geschrieben haben, sehen wir in der Hinsicht keine großen Unterschiede zwischen CisFrauen und trans*Frauen.

Gruppen: Die sehen wir ähnlich wie die Demos. Die gesellschaftliche Position aus der heraus agiert wird, ist mehr oder weniger die selbe.
Ein gern genanntes Argument sind unterschiedliche Erfahrungen aufgrund von geschlechtlichen Zuschreibungen in jüngeren Jahren. Wieviele Erfahrungen sich ähneln, erkenne ich erst, wenn ich mit den entsprechenden Menschen rede. Mensch mag es kaum glauben, aber auch trans*Frauen haben Erfahrungen als Frauen, manchmal sogar schon seit ihrer Kindheit. Zudem gibt es noch andere Kategorien, die unterschiedliche Erfahrungen, auch in Bezug auf Geschlecht, hervorbringen. PoC (People of Colour) erleben teilweise andere Sexismen als Weiße. Trotzdem würde hoffentlich niemand auf die Idee kommen PoC pauschal auszuschließen. Es macht einen Unterschied – wie gesagt auch in der geschlechtlichen Sozialisation – ob ich auf dem Dorf oder in einer Großstadt aufgewachsen bin, in einer linken Akademiker*innenfamilie oder in einer Arbeiter*innenfamilie. Ob ich in Deutschland oder der Türkei groß geworden bin, in der DDR oder in der BRD zur Schule ging, ob ich mein Leben lang im Rollstuhl sitze, oder mein Körper den Normvorstellungen entsprechend funktioniert. Frauen sind unterschiedlich, das ist bereichernd und sollte nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Viele Sachen ähneln sich dennoch und den gemeinsamen Nenner wird es sicher geben.

Workshops: Gemeint sind damit vor allem Workshops, in denen es Körperkontakt gibt, z.B. Selbstverteidigung für Frauen. Es gibt immer die Möglichkeit Übungen nicht mit einer Person zu machen, mit der mensch sie nicht machen will. Daher kann der Körperkontakt kein Grund sein trans*Frauen komplett aus einem Workshop auszuschließen, falls ihre Körper überhaupt als männlich gelesen werden (können). Und wir halten es für sinnvoll, sich selbst zu fragen, was genau das Problem gerade ist und ob das nicht eher an den eigenen Zuschreibungen liegt. Auch bei Selbstverteidigung sind die wenigsten Menschen nackt, die Anwesenheit von vermeintlich „männlichen“ Körpern ist eher eine Sache, die im eigenen Kopf passiert.

Auch inhaltliche Workshops können selbstverständlich geschlossen sein. Sei es, um den besagten Platz zu haben, sich überhaupt Sachen aneignen zu können, oder weil (Cis)Männer inhaltlich da gerade einfach nichts zu suchen haben. Zum Beispiel in Workshops oder Vorträgen, in denen es um die Wiedererlangung selbstbestimmter Sexualität geht, die CisMännern nicht in der selben Weise gesellschaftlich aberkannt wurde. Trans*Frauen gehen als Frauen solche Workshops durchaus etwas an.

Klos: Klos sind glücklicherweise meist abschließbare Kabinen, von daher sehen wir eh nicht wirklich das Problem. Davon abgesehen: Wo sollen trans*Frauen sonst auf’s Klo gehen?

Duschen: Duschen sind natürlich etwas komplizierter als Klos, weil die meisten Menschen sich beim Duschen ausziehen und Körper damit leider irgendwie wichtiger werden. Aus trans*Perspektive wäre es cool Duschzeiten zu haben, die keine reinen Frauen- oder Männerduschzeiten sind, da sich nicht alle eindeutig als Männer oder Frauen positionieren (können) oder sich nicht durch ausziehen bzw. nutzen der „falschen“ Dusche outen wollen. Da unabhängig von der Identität viele Menschen Probleme mit gemeinschaftlichem Nacktsein haben, macht es Sinn – zumindest improvisierte – Einzelkabinenduschen zu schaffen.

Schlafräume: Da auch manche (Cis)Männer Probleme mit gemeinschaftlichen Pennplätzen haben, halten wir es allgemein für sinnvoll die Möglichkeit anzubieten – neben gemeinsamen Pennplätzen – sich sicherer anfühlende Pennplätze in WGs zu nutzen. Also Zimmer, in denen mensch allein oder mit der Bezugsgruppe schlafen kann.
Ansonsten fragen wir uns, ob es in Frauenschlafräumen ein tatsächliches Problem gibt oder ob es nur ums Prinzip geht. Die Offenheit eines Raums für trans*Frauen öffnet den Raum nicht für alle, sondern nur für alle Frauen. Dass in gemeinsam genutzten Schlafräumen respektvollerweise Bekleidung beim Schlafen getragen werden sollte, halten wir eigentlich sowieso für selbstverständlich.

safer spaces: Safer spaces sind Orte auf Veranstaltungen (zum Beispiel einem Camp), die vor allem als Rückzugsräume für Betroffene sexualisierter Gewalt oder anderer Übergriffe dienen, um erstmal aus der Situation rauszukommen und Unterstützung zu finden. Hier kann es bei einem Ausschluss bestimmter Menschen nur um die Bedürfnisse von Betroffenen gehen. Da häufig Frauen Betroffene und Männer Täter sind, ist die Einrichtung eines safer spaces nur für Frauen naheliegend3 – aber nicht eines der generell nur für Cisfrauen zugänglich ist. Niemand kann trans*Frauen absprechen, diesen auch zu brauchen. Ideal wäre es vermutlich, mehrere Rückzugsmöglichkeiten zu haben, um zum Beispiel auch dem Bedürfnis ganz allein oder zu zweit oder mit der Bezugsgruppe zu sein, ohne dass irgendwer anders anwesend ist nachzukommen. Davon abgesehen können wegen geschlossenen safer spaces zum Teil auch konkrete Bezugspersonen nicht unterstützen, weil sie aufgrund ihrer Identität keinen Zugang zu dem Raum haben. Dementsprechend ist es gut in der Situation „einfach“ nach dem konkreten Bedürfnis zu schauen und weniger nach Identitätszuschreibungen.
Triggern4 können viele Sachen. Gerüche, eine Tasse Kaffee, ein bestimmtes Poster an der Wand. Es ist unmöglich alle Trigger von allen Betroffenen im Vorfeld zu beachten. Sobald sie bekannt sind, kann entsprechend gehandelt werden. Auch Personen können triggern, unabhängig ihrer Geschlechtsidentität, z.B. weil sie eine bestimmte Frisur haben. Im Vorfeld auf Verdacht eine ganze Gruppe nicht-privilegierter Menschen auszuschließen, halten wir für falsch.

Ja, aber…
„Ja, aber wenn ich bei trans*Frauen einen Männerkörper wahrnehme und ich darauf nicht klar komme, dann kann mir das ja niemand absprechen, ist eben meine Wahrnehmung.“ Nö, kann niemand. Aber die Frage ist: Was folgt daraus? Vielleicht ist es ein wenig wie mit der Definitionsmacht: Sie ist weder perfekt, noch widerspruchsfrei, aber: Was ist die Alternative? Was ist die Alternative zum Offensein der Räume für trans*Frauen? Sie zu Männern zu machen? Sie zu zwingen sich zu outen, indem spezielle Trans*räume geschaffen werden, die sie dann ja nutzen können? Ihnen einfach alle Räume nehmen; sie können ja zu hause bleiben?

Die Frage wäre auch, woher diese Wahrnehmung kommt. Häufige Antworten: „Bart(schatten), tiefe Stimme, Penis.“ Zum einen beinhalten die wenigsten Räume ein Ausziehen, daher dürfte letzterer schon mal nicht das Problem sein. Zum Andern: Wie war das mit der Normierung von Körpern anhand von Geschlechterkategorien? Frauen haben keine Behaarung? Wohl kaum. Aber davon abgesehen: Wie war das mit der sozialen Konstruktion von Geschlecht? Biologistische Zuschreibungen halten wir für politisch rückschrittlich. Genauere Ausführungen sparen wir uns an der Stelle, dazu haben nicht wenige Theoretiker*innen bereits ganze Bücher geschrieben.5

Ein Schwenk zur Trans*-Öffnung
Immer häufiger begegnet mensch mittlerweile keinen reinen Frauenräumen, sondern FLT, also FrauenLesbenTrans*-Räumen. Skeptisch wie wir so sind, fragen wir uns regelmäßig, wer damit nun genau gemeint ist. Eine genauere Umschreibung wer mit „trans*“ gemeint ist, findet sich meistens nicht. In der Praxis fällt leider immer wieder auf, dass in diesen Räumen scheinbar trans*Männer willkommen sind, da sie jahrelang den Raum mitgestaltet haben und nun nicht auf einmal ausgeschlossen werden sollen, oder weil sie „ja doch irgendwie zu uns gehören“; trans*Frauen allerdings trotzdem nicht sonderlich willkommen sind. Selten wird dies explizit formuliert, aber doch den betreffenden trans*Menschen deutlich gemacht. So besteht die Gefahr, dass die Räume wieder an biologistischen Geburtszuordnungen geöffnet und geschlossen werden – obwohl doch die Bezeichnung als FLT-Raum eben die Fixierung auf die nur scheinbar eindeutige Kategorie „Frau“ aufheben wollte. Die unreflektierte Nutzung des Labels „FLT“, bei der alle Personen gemeint sind, die bei Geburt als „weiblich“ eingetragen wurden, ist ein seltsamer Mechanismus, der trans*Männer letztlich zu Frauen und trans*Frauen zu Männern macht.

Wir denken es liegt in der Verantwortung der Veranstalter*innen dafür zu sorgen, dass sich auch trans*Frauen willkommen und eingeladen fühlen. Dazu gehört beispielsweise eine Aufklärung des Publikums, wer denn alles so eingeladen ist. Und da die Erfahrungen der letzten Jahre leider nicht die besten waren, reicht es nicht einfach nur „trans*“ zu schreiben, sondern es sollte irgendwo eine Erklärung geben, was mensch genau darunter versteht und wen mensch genau einlädt und wen eben auch nicht.
Die explizite Einladung von trans*Frauen und die Aufklärung des Publikums sollte allerdings genauso für Frauen(ohne trans*)Räume gelten. Denn der Ausschluss von männlichen trans*Personen steht im Belieben der Organisatorinnen, wenn sie einen FrauenLesbenRaum und keinen FLT-Raum haben wollen. Dies kann aber wie schon gesagt nie für weibliche trans*Personen gelten.

DU willst HIER rein?
Eine immer wieder leidige Frage ist die nach der Türpolitik bei geschlossenen Events. Vermutlich gibt es da auch kein Allheilmittel, denn irgendwie sollen CisTypen schließlich keinen Zugang haben. Alle nach ihrer Identität zu fragen, die nach eigenem Augenmaß so aussehen, kann allerdings nicht die Lösung sein. Wir haben auch keine perfekte Lösung parat und fänden es spannend, wenn verschieden Orga-Gruppen von ihren Konzepten und Erfahrungen berichten.6 Grundvoraussetzung ist wohl, dass für alle deutlich gemacht wird, für wen der Raum geöffnet ist – also wirklich unübersehbare, sprachlich verständliche Plakate am Eingang hängen etc. Dann stolpert schon mal niemand versehentlich da rein. Um Fremdeinordnungen nicht zum entscheidenden Kriterium zu machen, kommt mensch nicht an einem Vertrauen auf einen verantwortungsvollen Umgang der Besucher*innen vorbei. Wenn das als Lösung nicht ausreicht, sollte zumindest klar sein, dass Menschen nicht nach ihrem Gender bzw. ihrer Identität gefragt werden, sondern die derzeitige Geschlossenheit des Raumes anders kommuniziert wird.
Und: Trolls dürfen selbstverständlich immer rausgeschmissen werden. Und bekannte Trolls muss mensch auch gar nicht erst rein lassen.

w.i.r. – linksradikale Trans*vernetzung NRW
Herbst 2011

  1. Mit Frauen und Männern meinen wir soziale Realitäten in denen Menschen leben. Nur weil Geschlecht konstruiert ist, heißt das nicht, dass es keine konkreten Auswirkungen auf das Leben von Menschen hat. Wir gehen allerdings nicht von einer biologisch tatsächlich existierenden Zweigeschlechtlichkeit aus. Männer und Frauen sind diejenigen, die sich so definieren. Mehr autonome Organisierung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen (wollen), wäre wünschenswert, ist allerdings gerade nicht sonderlich stark vertreten. [zurück]
  2. An dieser Stelle meint „Schutzraum“ einen Raum der alles mögliche beinhalten kann (z.b. eine Frauenkneipe), aber in dem mensch mit einem Teil gesellschaftlicher Mechanismen nicht konfrontiert ist. Auf safer spaces, also Rückzugsräume innerhalb von Veranstaltungen, gehen wir später noch ein. [zurück]
  3. Wobei trotzdem Betroffene Nichtfrauen nicht „vergessen“ werden dürfen. [zurück]
  4. Unter Trigger versteht mensch Sinneseindrücke, die Erinnerungen alte Erfahrungen wecken. Diese „Erinnerungsblitze“ können überall ausgelöst werden, z.B. weil in der S-Bahn jemand das selbe Deo benutzt, wie der Täter. Weitere Infos zu Auswirkungen sexualisierter Gewalt und politischem Umgang damit z.B. in: reACTion: Antisexismus_reloaded. [zurück]
  5. Um nur zwei zu nennen: Judith Butler: Bodies that matter. Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht. [zurück]
  6. Ihr könnt uns gerne entsprechende Mails schicken; wir würden uns dann um eine Dokumentation dessen auf trans.blogsport.de bemühen. [zurück]
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2 Antworten auf „Same discussions as every year Intervention gegen die (bewusste oder unbewusste) Ausgrenzung von trans*Frauen“


  1. Gravatar Icon 1 Fl 23. Januar 2012 um 10:19 Uhr

    Vielen Dank für diese wichtige Intervention, auch wenn ich mich als weder-noch-trans* (bzw einem dem gesellschaftlichen Druck entsprechenden „eher trans*weiblichkeit“) in diesem Text nicht wiederfinde. Zwar schreibt ihr so schön gegen das „ein­fa­che Sche­ma (Mann-​Frau)“, letzlich existieren im Text aber wieder nur Trans*frauen und Trans*männer. Schade!

  2. Gravatar Icon 2 Bombe 20 21. März 2012 um 10:15 Uhr

    Dennoch ist die gesellschaftliche Realität weiterhin so, dass der Großteil der Übergriffe von (Hetero)Männern ausgeht und ein Raum ohne sie zumindest sicherer ist, als ein Raum mit ihnen.

    Dennoch ist die gesellschaftliche Realität weiterhin so, daß der Großteil der Terroranschläge von Muslimen begangen werden und eine Stadt ohne sie zumindest sicherer ist, als eine Stadt mit ihnen.
    Dennoch ist die gesellschaftliche Realität weiterhin so, daß ein Großteil der Kindstötungen von Müttern begangen werden und ein Baby ohne seine Mutter sicherer ist, als mit ihr.

    Hochgradig bescheuerte Sätze irgendwie, oder?

    Vielleicht macht es Sinn, neben den Identitätszuweisungen als Voraussetzung, auch die Atmosphäre zu nennen, die mensch sich auf dem jeweiligen Event wünscht und was nicht toleriert wird.

    Wie wäre es mit statt anstelle von neben?

    Es macht einen Unterschied – wie gesagt auch in der geschlechtlichen Sozialisation – ob ich auf dem Dorf oder in einer Großstadt aufgewachsen bin, in einer linken Akademiker*innenfamilie oder in einer Arbeiter*innenfamilie. (…)

    Eben. Ich sehe es so: Wenn man damit anfängt, Räume für Leute zu verschließen aufgrund von Geburtsmerkmalen, auf die sie keinen oder wenig Einfluß haben, dann wird es argumentativ recht schwierig, gegen den Ausschluß aufgrund von anderen solchen Merkmalen zu protestieren.

    Bombe 20

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