Archiv für Februar 2011

Repression aus dem Blickwinkel von Trans*Menschen

Aussageverweigerung
Der folgende Artikel ist in der Roten Hilfe Zeitung Ende 2010 erschienen.

Unsere Gesellschaft besteht aus zwei Geschlechtern. Welches davon für einen selbst gilt, wird bei der Geburt festgelegt. Eine Selbstzuordnung, oder gar eine Weigerung der Zuordnung ist nicht vorgesehen und stößt in der Regel auf Unverständnis oder sogar auf Gewalt. Es gibt jedoch Menschen, die dieser Norm nicht (komplett) entsprechen. Wenn wir im folgenden Text von Trans*Personen1 reden meinen wir damit Menschen, die sich mit dem ihnen bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren. Dies umfasst viele verschiedene Menschen, sowohl solche die sich weder den binären Geschlechtern „Frau und „Mann“ zuordnen, als auch Menschen, die sich einem Geschlecht zuordnen.
Da eigentlich alles in unserer Gesellschaft anhand von Geschlecht strukturiert ist, gibt es unzählige Situationen mit denen Trans*Menschen einen Umgang finden/entwickeln müssen. Da Geschlecht jedoch über Interaktion funktioniert, reicht ein eigener Umgang leider nicht aus. Das Außen stellt sich einfach zu oft quer. Ein Bereich der alle Menschen betreffen kann, aber bei linksradikalen Aktivist*innen1 besonders deutlich präsent ist, ist die Konfrontation mit der Polizei. Das spezielle daran im Bezug auf Geschlecht ist, dass es hier Bereiche gibt, in denen nicht nur unterschwellig und subtil Menschen in Geschlecht sortiert und danach behandelt werden, sondern dass eine explizite Geschlechterzuweisung stattfindet. Dies betrifft vor allem die Situationen von Kontrollen, wo die kontrollierte Person nur von einer Person „gleichen Geschlechts“ durchsucht werden darf und des Polizeigewahrsams bei dem Personen nach Geschlecht sortiert weggeschlossen (Zellen im Gefangenentransporter und in der GeSa) werden. Hier soll es nur um die für Aktivist*innen weit aus häufigere Situation des Gewahrsams gehen. Das Thema U-Haft und Knast wird erst einmal ausgeklammert. (mehr…)

Trans*phobie

(English translation)

Trans*phobie ist ein diskriminierendes und nicht anerkennendes Verhalten gegenüber Trans*personen. Der zentrale Punkt ist die Nicht-Anerkennung der Selbstdefinition / dass jede_r das eigene Geschlecht und alles, was damit zusammenhängt, selbst definieren kann. Selbstdefinition ist – wie der Name schon sagt – keine Verhandlungssache.

Es gibt verschiedene Arten von Trans*phobie, die sich in verschiedenen Lebensbereichen äußern: strukturelle (z.B. Sprache), institutionelle Diskriminierungen (durch Institutionen, wie Ämtern, Gerichten etc.) und personale Trans*phobie, die sich im privaten Umgang mit Menschen zeigt. Mit der wollen wir uns jetzt hier auseinandersetzen.

Eins vorweg: wir alle machen Fehler, und das ist okay. Nicht okay ist, eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern zu verweigern.

Trans*phobie äußert sich nicht nur in körperlicher Gewalt oder Beleidigungen, sondern begegnet uns subtil im Alltag:

Trans*phobie äußert sich zum Beispiel im unerlaubten Outen einer Trans*person. Während einige Leute sehr offen mit ihrem Trans*sein umgehen, leben andere lieber ungeoutet oder outen sich je nach Situation. Das wichtigste ist: Nur die Trans*person selbst darf entscheiden, ob sie in einem bestimmten Zusammenhang out sein möchte oder nicht. Das gehört zur informationellen Selbstbestimmung, die für uns alle selbstverständlich ist. Und wenn die Person dir gegenüber / in der WG / in einer Gruppe etc. out ist, muss sie das nicht überall sein (wollen). Daher: Lieber mal unter vier Augen fragen, als einfach outen.
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Trans*phobia

(Deutsche Übersetzung)

The text that was read aloud at the GPP meeting in Bethanien, November 28, 2010

Trans*phobia is a discriminatory and non-acknowledging attitude toward trans*people. The central point is the non-acknowledgment that each person should be free to define their own gender and everything that it involves. Self-definition is – as the term suggests – not up for negotiation.

There are different kinds of trans*phobia that manifest themselves in different areas of life: Structural (e.g. verbal), institutional discrimination by way of institutions), and personal trans*phobia that becomes apparent in personal interactions with other people. It is the latter kind that we wish to address here.

A preliminary remark: We all make mistakes, and that’s okay. What is not okay, however, is the refusal to deal with one’s own mistakes.

Trans*phobia does not only manifest itself through physical assault or scuffle; we encounter it ever so subtly in our everyday lives:

Trans*phobia may for instance surface in the non-consensual outing of a trans*person. While some people are very open about their being trans*, others prefer to live un-outed, or they out themselves depending on the situation. The most important thing is: Only the trans*person themselves can decide whether they wish to be out in a certain context or not. This is a matter of informational autonomy that we should all be able to take for granted. And even if the person sitting next to you / in your communal house / in a group is out, that doesn’t mean they have to be (or want to) in all contexts. Consequently: It’s better to ask when you’re one-on-one than simply out that person.
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