Redebeitrag zum Transgenialer CSD 2010

(English translation)

Die meisten westlichen Gesellschaften kennen nicht mehr als zwei Geschlechter. Bei Geburt wird Personen entweder das weibliche oder das männliche Geschlecht zugewiesen. Zum Teil werden schon im Säuglingsalter operative Zwangsnormierungen durchgeführt. Wollen Personen in einem anderen, als dem ihnen zugewiesenen Geschlecht leben und dafür medizinische und therapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen, müssen sie angeblichen „Expert_innen“ glaubhaft machen, dass sie unter einer sogenannten Geschlechtsidentitätsstörung leiden. „Geschlechtsidentitätsstörungen“ werden seit den 80iger Jahren im Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation als psychische Krankheit aufgeführt. Trans*-Personen werden somit pathologisiert und psychiatrisiert. Für die Personenstandsänderung, das heißt die Anpassung des Geschlechtseintrages im Geburtsregister und der Geburtsurkunde, schreibt das Transsexuellengesetz vor, dass Trans*-Personen sich sterilisieren lassen müssen.

In Deutschland wird Trans*-Personen der Zugang zu allgemeinen gesellschaftlichen Ressourcen, wie medizinischer Versorgung, Wohnen, Arbeit, Schule, Heiraten beziehungsweise Eintragung einer Lebenspartner_innenschaft erschwert. Was für Cis-Personen, also Nicht-Trans*-Personen, selbstverständlich ist, wird Trans*-Personen abgesprochen. So bekommen Cis-Personen zum Beispiel ohne Probleme eine benötigte Hormontherapie, während Trans*-Personen ein psychiatrisches Indikationsschreiben benötigen.In Deutschland sich junge Trans*-Personen nicht nur von Pathologisierungen durch Ärzt_innen sondern auch durch Diskriminierungen und physischer und psychischer Gewalt and der Schule und durch die Eltern betroffen. Auch im Knast verschärfen sich gesellschaftliche Gewaltmechanismen wie Transphobie und Sexismus zusätzlich. Dort gibt es eine noch striktere zweigeschlechtliche Einordnung als außerhalb der Mauern. Es gibt wegen dem Paragraph 140 Absatz 2 des Strafvollzugsgesetz keine Möglichkeit sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuzuordnen, selbst nach der Vornamensänderung nicht. Zusätzlich zu der Gewalt der alle Gefangen ausgesetzt sind, erfahren Trans*-Personen häufiger physische Gewalt – oft auch in sexualisierter Form.

2008 wurden laut Transgender Europe weltweit 121 ermordete Trans*-Personen gemeldet. Von Januar bis Juni 2009 wurden weitere 83 Morde bekannt. Die tatsächliche Anzahl der Morde an Trans*-Personen ist um ein vielfaches höher, da die meisten Morde gar nicht gemeldet werden oder deren transphober Zusammenhang nicht benannt wird. 2008 fand auch ein Mord an einer Transfrau in Deutschland statt. Am 24. Juni wurde die 31 Jahre alte Silvana Berisha in ihrer eigenen Wohnung in Hamburg erstochen.
Die gesellschaftliche Marginalisierung von Trans*-Personen wirkt umso machtvoller, wenn verschiedene Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse zusammenwirken. Faktoren wie Alter und Nicht-Zugehörigkeit zu der weißen deutschen nicht-behinderten Mittelschichtsnorm verschärfen Diskriminierung und Gewalt. Trans*-Person, die keinen deutschen Pass besitzen, einen prekären Aufenthaltsstatus haben, illegalisiert sind oder für die deutsch nicht die erste Sprache ist, haben zudem eingeschränkten Zugang zu Informationen und medizinischen Ressourcen. In deutschen Flüchtlingsheimen, Erstaufnahmezentren und Abschiebeknästen leben Trans*-Personen in zweigeschlechtlich aufgeteilten Räumen und in sozialer Isolation.

Ein aktuelles Beispiel für das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungs- und Gewaltformen sind die Ereignisse in der Schöneberger Frobenstraße. Hier gibt es seit langem einen Straßenstrich von Transfrauen. Viele der Frauen, die dort arbeiten erleben tagtäglich Mehrfachdiskriminierung hautnah: als Trans*-Personen, als Frauen, als Sexarbeiterinnen, als Migrantinnen und Women of Color. Wiederholt wurden die Frauen zusätzlich zu verbalen Übergriffen mit Baseballschlägern und Eisenstangen angegriffen. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 2009 musste eine Trans*-Sexarbeiterin nach einem Messer-Angriff mehrere Woche im Krankenhaus verbringen. Am 4. September 2009 fand schließlich unter dem Motto „Stoppt die Gewalt gegen Sex-Arbeiterinnen in der Frobenstraße“ eine Kundgebung statt. Das Problem der gewalttätigen Übergriffe ist nicht gelöst.

Smash Transphobia! Smash Racism!

Für die sofortige Abschaffung des heteronormativen Zweigeschlechtersystems!

Nieder mit der Unterdrückung durch geschlechtliche Zuweisungen und allen anderen Unterdrückungsformen!

Knäste zu Baulücken!

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